Obwohl rund um dieses Schwarze Loch ein ziemliches Gedränge herrscht, stürzen Sterne nur selten hinein. Deren Bahngeschwindigkeit ist einfach zu hoch. Es bedarf schon gegenseitiger Störungen, um Sonnen auf Todeskurs zu schicken. Kommen Doppelsterne der Schwerkraftfalle zu nahe, wird einer der beiden Sternpartner mitunter dingfest gemacht, der andere mit rasanter Geschwindigkeit aus der Milchstraße katapultiert: Einer dieser Hyperschnellläufer hetzt mit 1,8 Millionen Kilometern pro Stunde davon.

Sobald sich die andere, eingefangene Sonne dem Schwarzen Loch auf etwa 15 Lichtminuten (knapp 300 Millionen Kilometer) Abstand nähert, beginnt ein dramatischer Wandel: Die dem Loch zugewandte Sternseite spürt jetzt wesentlich mehr Anziehungskraft als die abgewandte: Die resultierenden Gezeitenkräfte reißen den Stern innerhalb kurzer Zeit auseinander. Ein Teil seines Gases reichert Monate später die Akkretionsscheibe an, die nun enorm an Leuchtkraft gewinnt. Derartiges passiert vermutlich aber bloß einmal in Zehntausenden von Jahren.

Kleine Imbisse


Wie der äußerst matte Glanz seiner Akkretionsscheibe verrät, hungert unser Schwarzes Loch gerade. Gelegentlich registriert man stundenlange Aufhellungen in seinem Umfeld, bis zum 400-Fachen der dort üblicherweise gemessenen Röntgenstrahlung. Dann gönnt sich Sag A* wenigstens einen Imbiss: Vermutlich zerlegt es einen berggroßen Kometenkern oder einen Kleinplaneten - Objekte, die es zuvor einem nahen Stern gestohlen hat.

Wie neuere Beobachtungen im Röntgenbereich verraten, besitzt auch unser Schwarzes Loch schwache Materiejets über seinen Rotationspolen. Sie könnten nach und nach jene beiden Blasen gefüllt haben, die man ober- und unterhalb der Milchstraßenebene entdeckt hat. Diese Gebilde sind jeweils 25.000 Lichtjahre weit und bestehen aus hochenergetischen Teilchen.

Rein rechnerisch bekommt Sag A* jährlich so viel Gas aus Sternwinden serviert, dass man damit die Erde aufwiegen könnte. Dürfte es sich diesen Fraß wirklich einverleiben, stiege der Glanz seiner Akkretionsscheibe im Röntgenlicht ums Millionenfache. Tatsächlich kommt aber nicht einmal ein Prozent der Materie dort an. Die starken Magnetfelder halten fast alles auf Distanz. Sie lassen Sag A* darben.

Der hohen Temperaturen wegen sollte sich in seiner Nachbarschaft nur selten Gas zu neuen Sternen zusammenfinden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Im galaktischen Zentrum existieren überraschend viele junge Sterne. Es zählt sogar zu den Regionen mit den höchsten "Geburtenraten" innerhalb der Milchstraße. Astronomen machen dort ganze Haufen von Riesensonnen aus. Nur 2 bis 2,6 Lichtjahre vom Schwarzen Loch entfernt, werden Dutzende dieser Sterne sogar von zirkumstellaren Scheiben umkränzt. Eine solche Scheibe aus Gas und Staub zierte einst auch unsere Sonne; daraus gingen ihre Planeten hervor. Es ist ein Rätsel, wie diese potenziellen "Kreißsäle" den extremen Verhältnissen im Milchstraßenzentrum trotzen können.

Gestrichene Spektakel


Würde seine Akkretionsscheibe heller strahlen, wüssten die Himmelsforscher noch mehr über die Bedingungen im Umfeld von Sag A* zu berichten. Doch dazu müssten sie das Loch erst füttern. Entsprechend groß war die Aufregung, als man im Jahr 2011 die Materiewolke G2 entdeckte. Wie Rechnungen ergaben, sollte sie den Ereignishorizont des Schwarzen Lochs in nur 27 Milliarden Kilometern Distanz passieren. Das entspricht etwa einem Lichttag oder dem 180-fachen Abstand zwischen der Erde und der Sonne. Während des intimen Vorbeiflugs würde sich die Wolke auflösen wie Sirup in einem Wasserglas, hofften Astronomen. Ein Teil des Wolkengases sollte später in Richtung des Schwarzen Lochs stürzen und die Akkretionsscheibe dramatisch aufleuchten lassen.

Immer wieder richtete man die Großteleskope nun auf die Zen-tralregion der Milchstraße. Doch G2 zog 2014 völlig unbeschadet am Schwarzen Loch vorbei. Jener junge Stern, dessen Winde die Wolke hervorgebracht haben dürften, ist darin offenbar noch immer versteckt. In Staub gehüllt und unserem Blick entzogen, hat er das Gebilde mit seiner Anziehungskraft zusammengehalten - so verlässlich wie ein Schäferhund seine Herde.

Die Gezeitenkräfte kamen dagegen nicht an. Die Wolke blieb intakt, anstatt sich aufzulösen. Das erwartete Dinner für Sag A* entfiel. Und so musste schließlich auch die heiß ersehnte Lichtshow abgesagt werden.

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als freier Journalist in Wien und schreibt seit 1991 astronomische Artikel für die "Wiener Zeitung". Autor des astronomiegeschichtlichen Sachbuchs "Helden des Himmels.

Geschichten vom Kosmos und seinen Entdeckern." Mehr im Internet unter: www.himmelszelt.at