Es gibt ja, Freeden zufolge, auch semantische Tricksereien, die mit dem Liberalismus getrieben werden. Die Liberal-Demokratische Partei in Japan ist dezidiert rechtskonservativ. In den Niederlanden sind die "Democraten 66" innerhalb des kleinteiligen politischen Spektrums dieses Landes klassische Linksliberale, die "Volkspartij voor Vrijheid en Democratie", in deren Namen bereits zwei liberale Hauptprinzi-pien aufscheinen, ist dagegen wirtschaftsliberal und sozialpolitisch ans konservative Lager grenzend. Hierzulande würde niemand, der bei Sinnen ist, die Freiheitlichen auch nur ansatzweise dem Liberalismus zuordnen.

Der Neo-Liberalismus

Der Neo-Liberalismus, seit etwa 30 Jahren wirtschaftstheoretisch und finanzpolitisch en vogue, hat rein gar nichts mit liberalen Basisansichten zu tun - dabei bezeichnete sich der Publizist Irving Kristol, einer der Vordenker dieses schrankenlosen Turbokapitalismus, selber einmal als einen von der Wirklichkeit geläuterten Liberalen. Das ergänzende Gegenstück dazu sind die Libertären, Marktradikale, die gegen Steuern ebenso wettern wie gegen einen aktiven Sozialstaat, dafür Isolationismus und entgrenzten Wettbewerb predigen. Mit Rand Paul ist heuer erneut ein Libertärer im amerikanischen Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikanischen Partei.

Ist das Grundproblem des Liberalismus vielleicht, dass er an einen komplexen, einen handlungsmächtigen, einen handlungswilligen Einzelmenschen glaubt, der sich in Zeiten von hoch differenzierter Spezialisierung, digitaler Miniaturisierung und sozialer Atomisierung behauptet? So viel einfacher ist es umgekehrt, sich in unübersichtlichen Zeiten zu simplen Antworten zu flüchten. Sich ein Weltbild aus einspruchsresistenten Vorurteilen und anstrengungslosem Schubladendenken zusammenzuzimmern, in dem jede Irritation sofort erstickt wird.

Anti-Liberalismus ist ein anti-intellektuelles Puzzle mit drei Teilen. Liberalismus macht Mühe. Liberal sein heißt, jede Situation immer wieder von neuem abzuklopfen, hin- und herzuwenden, zu durchleuchten. Liberal sein heißt: sich jeglicher ideologischen Mauern zu entledigen, die das Leben scheinbar so einfach machen. Eine fugendichte Ideologie urteilt nicht nach gut und besser, nach klug und noch klüger. Sie teilt ein in Schwarz hier und Weiß dort, in Freund und Feind, in Wir und alle Anderen. Alles wird ins eigene Prokrustesbett gedrückt - und was übersteht, lästig ist oder stört, wird abgeschnitten. Somit sieht am Ende alles gleich aus, gleich passend.

Ideologie oder Idee?

Liberalismus ist keine Ideologie. Deshalb leuchtet es ein, dass die Autoren Liberalismus eine "Idee" nennen. Eine Idee mit einer imposanten Vorlaufsgeschichte - nachzulesen bei Siedentop, der sich als besonnener, nicht allzu feuriger Stilist über antike und neuzeitliche Geschichte beugt, bei Freeden, der klug zuspitzt, und beim Journalisten Fawcett, der intelligent und politisch zeitnah argumentiert.

Eine Idee aber, die vielen heute als Kadaver anmutet, von dem sich andere, von christdemokratisch bis sozialistisch, von Konservativen bis zu Internet-Aktivisten, bedienen, geierartig das herauspicken, was ihnen passt. Dass an diesem Zustand auch Liberale selbst Schuld tragen, indem sie ihr klassisches Gelände aufgeben, ist andererseits ebenso wahr.

Schon vor Jahren wurde die deutsche FDP als "Sandalenpartei" verspottet - nach allen Seiten offen. Über mehrere Jahrzehnte hinweg war sie nur Koalitionszünglein an der Machtwaage. Dass liberale Programmatik dabei zugunsten eines kurzatmigen Machiavellismus aufgelassen wurde und am Ende alles auf den Ruf nach Steuersenkungen herunterschrumpfte, verstand sich da von selbst. Damit einher ging die nachlassende Attraktivität der liberalen Idee. Weil eh jeder liberal ist, irgendwie.

Eine aufregende Frage stellt Edmund Fawcett am Ende seines lesenswerten Buches: Hat der Liberalismus, das ureigentliche Fundament der westlichen Zivilgesellschaften, nicht demnächst eine glühende Zukunft anderswo, in bisher illiberalen Staaten, im Iran, in China, in Indien?

Alexander Kluy, Journalist, Kritiker, Autor. Lebt in München. Zahlreiche Veröffentlichungen zu literatur-, kunst- und kulturhistorischen Themen.