Im medialen Sommerloch führen bestimmte Umstände vielfach dazu, dass ein Kandidat aus der Menge ausbricht und so etwas wie ein früher front-runner wird - dieses als summer love bekannte Phänomen bezeichnet oft den "Herzenswunsch" der ideologisierten Parteibasis nach dem politischen Traumkandidaten. Die Sommerliebe schafft es jedoch so gut wie nie ins Weiße Haus, denn spätestens im Herbst dämmert auch der Parteibasis, dass ein Kandidat mit reellen Chancen in der Hauptwahl auch für die breite Masse wählbar sein muss.

Donald Trump scheint in diesem Jahr eine extreme Form der summer love darzustellen - wie er den Herbst übersteht, wird sich zeigen. In der ebenfalls schwerreichen früheren Managerin des Technologiekonzerns Hewlett-Packard, Carly Fiorina, hat er eine formidable Gegnerin gefunden.

Im Herbst geben die ersten Kandidaten auf, zumeist, weil das Geld ausgeht. Der Aufbau einer Organisation mit tausenden Mitarbeitern und Freiwilligen sowie das Aufstellen gewaltiger Summen entspricht durchaus der Gründung eines Unternehmens beträchtlicher Größe und bedarf der Weitsicht, Entscheidungskraft und Management-Fähigkeiten, die die Güte der Kandidaten ebenso messen, wie der tagtägliche Umgang mit den Medien und die vielen Wettdiskussionen. Europäische Spitzenpolitiker sind mit nichts Vergleichbarem konfrontiert, sondern werden von ihren Parteiapparaten über die Ziellinie getragen. In den USA halten sich die Parteien bis zur offiziellen Nominierung beim Parteitag im Sommer vor den eigentlichen Wahlen zurück.

Die Vorwahlen selbst finden nach einem bestimmten Wahlkalender statt, wobei zwei bevölkerungsarme ländliche Bundesstaaten, Iowa und New Hampshire, den Auftakt machen. Das gibt den Kandidaten die Möglichkeit, fehlende Finanzmittel durch persönlichen Einsatz und viel Händeschütteln wettzumachen. Wer als Kandidat in Schwierigkeiten war, wie seinerzeit Bill Clinton, aber dennoch in Iowa oder New Hampshire siegt, geht als comeback kid in die sogenannten super tuesdays. Dabei handelt es sich um Wahlgänge, die gleichzeitig in mehreren Staaten stattfinden und sehr viel mehr Geld und TV-Werbung erfordern als die beiden ersten. In jeder Vorwahl werden Delegierte für den Parteitag vergeben. Ziel ist es, die Mehrheit an Delegierten auf sich zu vereinigen. Wenn diese magische Zahl erreicht ist, sind die Vorwahlen im Prinzip gelaufen. Kandidaten, die Achtungserfolge erzielen oder in bestimmten Regionen besonders gut abschneiden, können dieses politische Kapital zum Parteitag mitnehmen und programmatische oder personelle Forderungen stellen.

Da Hillary Clinton durch die Affäre um ihre E-Mails angeschlagen wirkt, stehen ihre Chancen heute weit schlechter als zu Beginn des Wahlkampfes. Dennoch wäre jemand wie Jeb Bush heute lieber in Hillarys Schuhen. Denn Donald Trump führt derzeit in allen demografischen Gruppen der GOP, aber besonders unter weniger gebildeten Wählern der Arbeiterschicht und bei weißen Nationalisten.

Streit der Ideologien


Zwar ist davon auszugehen, dass Trumps Bombast und Rundumschläge samt Medienhype mittelfristig zu Ermüdungserscheinungen beim republikanischen Vorwahlpublikum führen. Dennoch sind seine ideologischen Positionen für die Republikaner brandgefährlich. Mehrere von Trumps Ideen stehen im klaren Gegensatz zum streng marktliberalen Dogma der Partei, ihrer Spender und Kandidaten - Trump fordert sogar punktuell Steuererhöhungen und ein staatlich finanziertes Krankenversicherungssystem. Bisher konnten GOP-Kandidaten aus Sorge um ihre reichen Sponsoren es niemals wagen, solche Positionen zu vertreten - Trump finanziert sich selbst und braucht sich um die Meinung konservativer Milliardäre nicht zu kümmern.

Somit entpuppt sich die Behauptung, die Parteibasis trage die neoliberalen Positionen der Parteimillionäre mit, durch Trumps Popularität ebenso als Seifenblase, wie die Ansicht, dass Parteiaktivisten und Tea Party vom Geist der Freiheit beseelt wären. Tatsächlich kennzeichnen Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und politische Einfältigkeit die Beziehung zwischen Parteibasis und Immobilienmogul. Die Mehrheit der Trump-Anhänger hält Obama laut Umfragen für einen in Afrika geborenen Moslem.

Reinhard Heinisch, geboren 1963 in Klagenfurt, war viele Jahre lang Professor für Political
Science an der University of Pittsburgh und ist seit 2009 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Salzburg.