Sascha, der Sohn des Verfassers, 1970 im Niger. - © privat
Sascha, der Sohn des Verfassers, 1970 im Niger. - © privat

Als ich im Frühling 1967 im Alter von 29 Jahren nach Westafrika zog, in die junge Republik Elfenbeinküste, um im Auftrag der UNO den damals noch weithin menschenleeren Regenwald im Südwesten des Landes nach Bodenschätzen zu erforschen, kam ich in ein Land, das offiziell als selbstständige Nation galt, in der Realität aber eine in die Unabhängigkeit geschickte Kolonie Frankreichs war. Französische Berater und Kontrolleure saßen an allen Schaltstellen, kontrollierten die Armee, beherrschten die Wirtschaft des Landes. In der damals noch viel kleineren Hauptstadt Abidjan lebten über dreißigtausend Franzosen und die Cafés auf dem Plateau, wo nur die Kellner schwarze Hautfarbe hatten, glichen jenen in der fernen "Capitale" Paris. Meine Arbeit aber fand nicht in der Stadt statt, sondern im Regenwald, an entlegenen Orten, die nur mit dem Einbaum oder zu Fuß erreichbar waren, auf schulterbreiten Schneisen, die wir mit dem Buschmesser schlugen, im Laufe von fünf Jahren viele Tausende Kilometer.

Arbeiter und "Boys"


Die Arbeiter, die ich zum Schlagen von Orientierungsschneisen, dem Waschen von Flusssanden mit der Goldwaschpfanne für schwere Metalle beschäftigte, kamen zum Teil aus der bewaldeten Küstenregion, zum Teil aus den nördlichen Provinzen auch jenseits der Grenze, vorwiegend aus dem noch jahrelang mit dem Schild Territoire Haute Volta gekennzeichneten, nunmehr ebenfalls unabhängigen Ober-Volta, dem später in Burkina Faso umbenannten Dornensteppengebiet am südlichen Rand der Sahara.

Schon seit langem kamen 99 von 100 Bediensteten in den Haushalten der Wohlhabenden an der Küste aus der sonnengeplagten Sahelzone, auch von den Franzosen mit dem englischen Begriff "Boy" bezeichnete Hausdiener, Köche, Gärtner, aber auch Arbeiter in den Plantagen für Kaffee, Kakao und Ölpalmen. Die meisten waren junge Männer ohne Frauen, die ihren Verdienst zu großen Teilen an die Familien in ihre Heimatdörfern schickten.

Auch mein Boy, Laurent, kam aus einem Dorf im Territoire Haute Volta. Er trug die typischen, tief in die Haut eingeschnittenen Stammeszeichen der Mossi, zwei Kreise, die das Gesicht umrundeten, mit zahllosen kleinen Querschnitten, und jeweils drei tiefen, von unten nach oben auffächernden Schnitten auf jeder Wange. Er brauchte keinen Personalausweis, jeder sah, wer er war und woher er kam.

Es war eine beinahe idyllische Zeit, jene ersten Jahre der Unabhängigkeit, in der alles so wie bisher weiterging, in der Schule eine neue Hymne gelernt wurde, mit der auch der Rundfunk jeden Tag um sechs Uhr sein Programm eröffnete. Es schien eine Zeit der Zeitlosigkeit zu sein, wenn ich meinen Leuten voraus in den unbewohnten Wald vordrang, im Bewusstsein, der erste Mensch zu sein, der je seinen Fuß auf diesen Boden setzte.

Dann geschah etwas in meiner unmittelbaren Nähe, das mich erschütterte und das Gefühl, in einer Idylle zu leben, ein für alle Mal zerstörte. Einer meiner Arbeiter kam von einem Kurzurlaub ins Camp zurück, Hemd und Hose über und über mit getrocknetem Blut getränkt. Er erzählte, dass er den zweiten Tag in seinem Dorf gewesen war, als im Morgengrauen von allen Seiten Soldaten eindrangen, die Menschen aus den Häusern holten, sie in der Mitte des Dorfes beim Palaverbaum versammelten und begannen, einem nach dem anderen mit dem Buschmesser die Kehle durchzuschneiden. Auch mein Arbeiter war darunter, und als die Reihe an ihm war, schrie er, seit zwei Jahren nicht im Dorf gewesen zu sein, nichts von den Unruhen gewusst zu haben, worauf ihm ein Feldwebel seinen Urlaubsschein aus der Hemdtasche zog, mit dem Stempel der Vereinten Nationen und meiner Unterschrift. Er wurde begnadigt, unter der Bedingung, seine Familienangehörigen festzuhalten, während man ihnen die Kehle durchschnitt. Er hat es getan und erschien zwei Tage darauf wieder zur Arbeit.

Drastisches Ende


Erst allmählich gelang es mir zu erfahren, was geschehen war. Ein gescheiterter rebellischer Student aus dem Stamm der Bété hatte einen Aufruf zur Unabhängigkeit seines Stammes verfasst, hektographiert und unter den Menschen einiger größerer Orte verteilt. Darauf hatten sich einige hundert Bauern zusammengerottet, waren in den Verwaltungssitz des Präfekten gezogen, um mit dessen Festnahme ihrer Forderung nach einer eigenen Republik Nachdruck zu verleihen. Die Zen-tralregierung mit den Franzosen im Hintergrund entschied, dem Spuk ein drastisches Ende zu bereiten, setzten Einheiten der Armee aus dem Westen des Landes in Gang, die mit den Bété keinerlei Bande unterhielten.

Das Resultat war die Auslöschung mehrerer Dörfer, in denen man die Unruhestifter vermutete, eine große Zahl von Toten, die nie tatsächlich erfasst wurde, bis heute zwischen einigen Hundert und einigen Tausend schwankt. In "Le Monde" erschien eine Woche später eine lakonische Mitteilung, wonach nach lokalen Unruhen in einem örtlich beschränkten Gebiet der Elfenbeinküste die Ordnung wieder hergestellt sei. Tatsächlich wurde niemand mehr umgebracht, aber die Straßensperren mit Stahlketten voll spanischer Reiter habe ich noch nach Wochen passiert und selbst in der fünfhundert Kilometer entfernten Küstenstadt Sassandra wurde ich Zeuge von erniedrigenden Strafmaßnahmen gegen Angehörige des Bété-Stammes.