Im Roman erfährt die ganze "armselige Halbinsel Florida" dank der neu entstehenden, "merkwürdigen Industrie" einen wirtschaftlichen Aufschwung. Tatsächlich werden sich dort, auch wegen des Startkomplexes am Cape Canaveral, später etliche Firmen der Aerospace Industry ansiedeln - also solche, die mit Raum- und Luftfahrt zu tun haben. Tampa erhält bei Verne den Beinamen "Mondstadt".

In Wirklichkeit bekommt das mit der US-Raketenentwicklung verbundene Huntsville in Alabama den Spitznamen "Rocket City". Das Kosmonauten-Ausbildungszentrum nahe Moskau wird "Sternenstädtchen" genannt. 1965 verlegt die NASA ihr Flugkontrollzentrum von Florida nach Houston, Texas: Das weitläufige Gelände mutiert inoffiziell zur "Space City".

In Vernes Florida treibt man einen kolossalen Kanonenschacht für die Columbiade in die Erde: 18 Meter breit und 270 Meter tief. 1200 Öfen schmelzen 60.000 Tonnen Eisen, um die dicken Wände des Kanonenlaufs zu schmieden. Die Mondrakete Saturn V wird im Juli 1969 eine Gesamthöhe von 111 Metern erreichen, mit dem Raumschiff Columbia an ihrer Spitze. Das 2,7 Meter breite Kanonenprojektil ist bei Verne aus Aluminium gefertigt, da dieses "zäh wie Eisen, schmelzbar wie Kupfer und leicht wie Glas" ist. Auch bei den Apollo-Schiffen baut man auf dieses Leichtmetall.

Glocken und Kegel

Im Roman schlägt der französische Abenteurer Michel Ardan vor, das hohle, kugelförmige Geschoß durch einen zylindrischen Körper mit aufgesetztem Kegel zu ersetzen. So entsteht ein Gefährt für Menschen! Die Sowjetunion wird später auf die einfacher zu handhabende Kugel bzw. auf die Glockenform setzen. Die Apollo-Kapseln sind hingegen Kegelstümpfe. Zumindest mit dem angeschlossenen, zylindrischen Servicemodul erinnern sie äußerlich an Vernes Projektil. Sie sind bloß 1,2 Meter breiter.

In Jules Vernes Geschoß finden drei Männer Platz: Barbicane, Ardan und Kapitän Nicholl, der schärfste Kritiker des Projekts. Tatsächlich werden Drei-Mann-Crews in der US-Raumfahrt ab 1968 Standard. Ein NASA-Chef (gleichsam Vernes "Präsident") ist zwar nie an Bord, jedoch übernehmen zwei Space-Shuttle-Kommandanten, Jahre nach ihren Flügen, die Leitung der gesamten Raumfahrtbehörde.

Angesichts des nun bemannten Mondflugs vervielfacht sich im Buch das Interesse der Öffentlichkeit. In der realen Raumfahrt wird das ebenso sein: Kaum jemand erinnert sich noch an die erste weiche unbemannte Mondlandung - aber wohl jeder an den ersten Menschen auf dem Mond!

Ardan betont vor 300.000 begeisterten Zuhörern: Planeten und Sterne werde man bald so leicht, rasch und sicher bereisen wie den Atlantik. In nur 20 Jahren soll die Hälfte der Erdbewohner einen Besuch auf dem Mond absolviert haben.

Ab 1952, also lange vor dem ersten Satellitenstart, wird Wernher von Braun diesen Faden gewissermaßen wieder aufgreifen. Der Konstrukteur der todbringenden V2 und später auch der Mondrakete Saturn V verfasst Artikel für das amerikanische "Collier’s Magazin". Darin appelliert er an den Pioniergeist der USA. Der Mensch, so seine Kernaussage, könne den Weltraum schon bald erobern. Von Braun gestaltet außerdem drei populäre Fernsehfilme der Disney-Studios mit: Von rotierenden Raumstationen fliegt man zum Mond weiter. Alles sieht leicht und machbar aus.

Den harten Aufprall auf dem Mond will Ardan mit luntengezündeten Feuerwerksraketen mildern. Die Sowjetunion wird ab 1964 Feststoffbremsraketen einsetzen: Sie machen den Aufschlag der Woschod-Raumschiffe auf dem Erdboden erträglicher; denn der ist trotz des Fallschirms noch ziemlich heftig. Die Apollo-Landefähre bemüht beim Abstieg zur Mondoberfläche hingegen ein kräftiges Flüssigkeitsraketentriebwerk.

Wie Astronomen zu Jules Vernes Zeit sehr wohl wissen, besitzt der Mond keine Atmosphäre. Doch vielleicht, so spekuliert Ardan blauäugig, verstecke die sich ja am Boden tiefer Täler. Wo Luft existiert, gibt es auch Wasser - ist er überzeugt. Vielleicht fände man dort sogar Lebewesen.

Der Abenteurer verweist auf irdische Geschöpfe, die 60 Atmosphären Druck aushalten - und siedend heiße Quellen ebenso bevölkern wie das Eismeer der Pole. Die Mittel der Natur reichten "bis zur Allmacht", meint er euphorisch. Tatsächlich existieren auf Erden Lebewesen, die Extreme lieben: Diese meist einzelligen Mikroorganismen gedeihen unter unglaublichen Bedingungen. Wie man heute mutmaßt, könnte man solche Extremophile auch anderswo antreffen - etwa in den dunklen Ozeanen, die unter dem Eispanzer etlicher Planetenmonde vermutet werden. Unser Mond aber ist steril. Der atmosphärische Druck fällt dort viele Billionen mal schwächer aus als auf Erden.

Die Zuhörer verstummen, als Ardan einräumt: Für die ersten Mondfahrer wird es keine Rückkehr geben. Derart fragwürdige One Way Trips werden heute mitunter für künftige Marsflüge angedacht - zumindest von privater Seite. Vernes Mondfahrer wollen eine Kolonie gründen. Sie nehmen Essensvorräte für ein Jahr, zwei Hunde, Pflanzensamen, ein Dutzend junger Bäumchen und Schusswaffen mit. Wie sie hoffen, schickt man ihnen einmal pro Jahr eine unbemannte Kugel voll mit Lebensmitteln hinterher. Ähnliche Versorgungsflüge sind in manchen Marsflug-Szenarien inkludiert. Automatische Transportraumschiffe vom sowjetischen Typ Progress starten jedenfalls seit 1978 immer wieder zu bemannten Raumstationen. Zur Zeit beliefern sie die ISS.