Verträgt sich der Islam mit der Demokratie? Nicht wenige Stimmen im Westen unterstellen der zweitgrößten Religionsgruppe der Erde mit immerhin über 1,6 Milliarden Gläubigen, nicht demokratiefähig zu sein. Für viele liegt der Beweis in den beinahe täglichen Berichten über Gewalt, Bürgerkrieg und Terrorismus entweder aus islamischen Staaten oder in Verbindung mit islamistischen Gesinnungen. Westliche Intellektuelle konstatieren beim Islam das Fehlen diverser mit dem Westen vergleichbarer Entwicklungsprozesse wie Renaissance, Aufklärung oder säkulare bürgerliche Revolutionen, die eine nachhaltige gesellschaftliche Modernisierung aus dem Inneren heraus befördert hätten.

Mehr, nicht weniger Demokratie: Der Protest gegen das neue Islamgesetz in Österreich war durchsetzt mit Forderungen nach Mitbestimmung und Nichtdiskriminierung. apa/Herbert Neubauer
Mehr, nicht weniger Demokratie: Der Protest gegen das neue Islamgesetz in Österreich war durchsetzt mit Forderungen nach Mitbestimmung und Nichtdiskriminierung. apa/Herbert Neubauer

Andere wiederum sehen das Problem in der Religion selbst und meinen, dass im Islam eine zentrale Voraussetzung für die Demokratie, nämlich die Trennung zwischen Staat und Kirche, fehle. Die biblische Aufforderung in Mat-thäus 22:21 - "So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" - schuf beim Christentum bereits in der Antike die Grundlage dafür, ein politisches System unabhängig von der herrschenden religiösen Lehre zu betreiben - und umgekehrt.

Andere Islamkritiker verweisen auf die vermeintlich fehlende liberale Tradition, also die scheinbar mangelnde Toleranz gegenüber anderen Ideen und Lebensentwürfen, sowie die empfundene ungenügende Anerkennung der Autonomie des Individuums, wobei vor allem die Rolle der Frau kritisch gesehen wird. Die Umwälzungen in Nordafrika und im Nahen Osten im Zuge des Arabischen Frühlings, die fast ausnahmslos in Bürgerkrieg, Terrorismus und neuen Repressionen endeten, scheinen die angenommene Demokratieunfähigkeit des Islam noch weiter zu bestätigen. Selbst eine umfassende technische Modernisierung und enormer Wohlstand, so wird betont, führten nicht wie im Westen zu liberalen und säkularen Gesellschaften, sondern - wie die Golfstaaten und Saudi Arabien zeigen - zu noch effizienterer Repres-
sion und politischer Ausgrenzung.

Muslime weisen diese Vorwürfe als typische Vorurteile von sich und zeigen nicht nur auf den Umstand, dass es durchaus islamische Staaten mit funktionierenden Demokratien gibt - darunter mit Indonesien auch eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde -, sondern dass in vielen westlichen Staaten muslimische Bürger an der Demokratie ebenso normal teilnehmen wie Christen und andere Religionsgemeinschaften. Man gibt auch zu bedenken, dass es im Islam bereits zu einer Aufklärung gekommen war, als sich das christliche Mittelalter noch mit apokalyptischen Endzeitfantasien, Kreuzzügen, Hexenverbrennungen und Pogromen an religiösen Minderheiten beschäftigte.

Religion ohne Kirche


Nicht wenige der philosophischen und technologischen Erkenntnisse der Renaissance waren erst über den Islam nach Europa gelangt: Die Algebra, die modernen Zahlen und selbst das Konzept der Zahl Null verdanken wir diesem Austausch. Ohne das arabische Wissen über Seewege, Navigation und modernen Schiffbau wäre Kolumbus wohl nie in die Neue Welt gelangt. Auch hielten sich bis in die Neuzeit überall im Nahen Osten christliche und jüdische Gemeinden, was einmal mehr die historisch nachweisliche Toleranz gegenüber Andersdenkenden belege.

Die Vielfalt muslimischer Jugendkulturen zeigt sich auch in islamischen Hip-Hop-Bands wie Native Deen. epa/Mike Nelson
Die Vielfalt muslimischer Jugendkulturen zeigt sich auch in islamischen Hip-Hop-Bands wie Native Deen. epa/Mike Nelson

Moslems meinen auch, dass gerade der Umstand, dass der Islam eine Religion ohne Kirche ist, gute Voraussetzungen dafür bietet, den Glauben für lokale Gebräuche und Verfahrensweisen zu adaptieren - und dass der Islam daher mit einer demokratischen politischen Kultur sehr wohl verknüpft werden könne. Auch der Vorwurf der fehlenden Säkularisierung wird mit dem Hinweis zurückgewiesen, dass die islamische Welt von der Türkei und Iran bis hin zu Nordafrika und Afghanistan Jahrzehnte lang unter dem Joch säkularer nationalistischer Regierungen stand, die jedoch allesamt durch Korruption, Misswirtschaft, Repression und Massenarmut ihren Kredit verspielt hätten. Erst nach deren Sturz konnten im Untergrund islamistische Bewegungen mangels Alternativen in das entstandene politische Machtvakuum nachstoßen - das sei jedoch keine islamische, sondern eine politsoziologische Ursache.

Oft wird die westliche Berichterstattung auch als sehr selektiv und unfair empfunden. Beispielsweise gelten die zunehmend autoritären Züge des türkischen Präsidenten Erdogan und seiner AKP-Partei in westlichen Medien vielfach als Beleg für das, was geschieht, wenn selbst eine moderate islamische Partei zu viel Macht erhält. Dabei wäre wohl hierzulande niemand auf die Idee gekommen, bei einem einst ebenso herrisch agierenden Franz Josef Strauß und der Populismus-affinen CSU oder selbst nach der Regierung Berlusconi die Demokratiefähigkeit des Christentums in Frage zu stellen.

Die entsetzlichen Konflikte und enorme Destabilisierung der Regionen von Westafrika bis zum Hindukusch und den Philippinen lassen sich ohne große Mühe auch als Spätfolgen westlicher und türkischer Kolonialpolitik, des Nahostkonfliktes sowie des Kalten Krieges erklären, wobei Grenzen willkürlich gezogen und bestehende Unrechtsverhältnisse und Privilegien auf Basis von Religionszugehörigkeit, Klan, Ethnie, Nationalität oder Hautfarbe für Jahrzehnte zementiert wurden.