Die gesellschaftlichen Explosionen, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges und der Intervention der USA ereigneten, konnten ohne bestehende Ordnungsmechanismen vielfach nur in eine weitere Katastrophe münden. Der "IS" ist somit kein Beleg der Demokratieunmündigkeit des Islam, sondern eine pathologische Entwicklung aus einer politischen Situation, die vom Westen und dessen Interessen mitgeschaffen wurde. Es ist somit eher eine Perversion, die mit Islam in etwa so viel zu tun hat wie der Faschismus mit dem Christentum.

Dennoch gibt es auch eine subtilere Form der Frage, inwiefern Demokratie islamische Züge trägt oder tragen soll. So stellt sich die Frage, wie der steigende Anteil an Moslems in westlichen Demokratien diese verändert. Die Demokratie ist ein politisches System, das von der Anlage her so konzipiert ist, auf Ansprüche und Wertvorstellungen diverser Bevölkerungsgruppen zu reagieren. Denn die Demokratie erlaubt es durch bürgerliche Freiheiten allen Gruppen, sich zu organisieren, Parteien zu bilden und ihre Interessen bis zu einem gewissen Grad durchzusetzen. Jede neue Gruppe, die sich in eine bestehende größere Gruppe integriert, wird diese auf eine gewisse Weise verändern.

Islam und Postmoderne

Diesen Fragen des Verhältnisses zwischen Islam und Demokratie widmet sich kommende Woche eine Konferenz der Österreichischen Forschungsgemeinschaft. In deren Rahmen wird auch der bekannte US-amerikanische Islamexperte und Regierungsberater John Esposito von der Georgetown University einen öffentlichen Vortrag halten (siehe Hinweis unten).

Gerade bei der Frage nach gesellschaftlicher und kultureller Integration stoßen wir vielfach auf die Sorge, dass ungewollt "Parallelgesellschaften" entstehen, die sich demokratischer Kontrolle entziehen und somit dem Extremismus den Boden aufbereiten. Vor allem die islamische Jugendkultur steht im Verdacht - wie Jugendkultur generell -, sich dem Zugriff und Verständnis der eigenen Elterngeneration zu entziehen. Geschichten über junge Menschen, auch Mädchen, die sich von einer extremistischen Auslegung des Islams angezogen fühlen und in den Dschihad zogen, sowie über "einsame Wölfe" oder "Schläferzellen", die zu terroristischen Anschlägen aktiviert werden können, prägen die Vorstellungen vieler und sind der Stoff medialer Berichterstattung. Dabei gibt es im Westen seit Jahrzehnten eine diverse, facettenreiche muslimische Jugendkultur.

Die breite Palette an zeitgenössischen muslimischen Lifestyles ist besonders von der einzig übrig gebliebenen Supermacht, den Vereinigten Staaten von Amerika, beeinflusst. Von dort aus hat sie sich über die Metropolen des globalen Nordens bis in verschiedene urbane Zentren auf der gesamten Welt verbreitet. Diese muslimische Jugendkultur stellt eine Synthese von Islam und Postmoderne dar. Über den Jazz bis zum Hip Hop entfaltete sie von früh an eine subversive Kraft, wie etwa durch den Jazz-Pianisten Amiri Baraka (LeRoi Jones) oder die Rap-Gruppe Public Enemy.

Neben eher apolitisch angepassten Formen muslimischer Lebensstile, die unter dem Begriff "Pop-Islam" eine Synthese von Islam und Kapitalismus darstellen, entstanden von Anfang an auch politisch kritische muslimische Jugendbewegungen. Hier wäre eine zeitgenössische Protestbewegung wie Black Lives Matter zu nennen, die gegen die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner im Speziellen und People of Color im Allgemeinen auftritt und in ihren Reihen viele junge Muslime aufweist. Das ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass viele Afroamerikaner Muslime sind. Es hat auch damit zu tun, dass globale postkoloniale Strukturen zu einer generellen Politisierung und Solidarisierung führen. Die Frage der Demokratie steht dabei oftmals im Zentrum der Debatte. So war der Protest der Jugendbewegungen in Österreich gegen das neue Islamgesetz, welches im März dieses Jahres beschlossen wurde, durchsetzt von Forderungen nach Mitbestimmung, Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung. Der Diskurs dieser Jugendbewegungen war kein religiöser, sondern ein weltlicher, der Forderungen nach mehr Demokratie verkörperte.

Muslimische Jugendbewegungen, die sich so wie andere religiöse oder politische Jugendbewegungen organisieren und gleichzeitig politische Forderungen stellen, werden oftmals kriminalisiert. So werden in Ländern wie etwa Deutschland die Aktivitäten von muslimischen Jugendorganisationen sofort als islamistisch eingestuft und in Folge vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt. Mit Begriffen wie "legalistischer Islamismus" meinen deutsche Verfassungsschützer etwa, dass demokratische Partizipation nur vorgetäuscht werde, um die eigentliche Agenda zu verbergen. Simple Angebote wie Nachhilfezentren oder Sportaktivitäten fallen damit unter Beo-bachtung.

Genau diese Kriminalisierung muslimischer Jugendlicher hilft jenen extremistischen Kräften, die sich selbst als Antipol zum Westen gerieren. Damit erfüllen derartige sicherheitspolitische Maßnahmen genau das Gegenteil von dem, was sie zu beabsichtigen vorgeben: die Eindämmung extremistischer Aktivitäten. So ist erwähnenswert, dass in Österreich kaum Aktivitäten jener konservativen Bewegungen zu beo-bachten waren, die in den Medien unter dem Namen "Salafismus" kursieren, während Deutschland mit seiner im Vergleich zu Österreich weitaus restriktiveren Gangart gegenüber dem organisierten Islam geradezu einen Nährboden für derartige Bewegungen darstellt. Demnach könnte behauptet werden, dass jene politischen Systeme, die muslimische Organisationen in demokratische Prozesse miteinbeziehen, weniger anfällig sind für die Entstehung von Bewegungen, die sich stärker von der Gesellschaft abgrenzen.