Ein weiterer Faktor, der fundamental oppositionellen Bewegungen Legitimität verschafft, liegt im zunehmenden sicherheitspolitischen Blick staatlicher Behörden auf junge Muslime. So sind in den letzten Jahren vermehrt sogenannte Countering Violence and Extremism-Projekte entstanden, die zum Ziel haben, Gewalt und Extremismus bei muslimischen Jugendlichen präventiv zu begegnen. Diese präventiven Maßnahmen basieren jedoch oftmals darauf, dass "muslimisch" quasi automatisch als "potentiell gefährlich" eingestuft wird.

"Verdächtige" Uhr

Kürzlich hat etwa der Fall von Ahmad, einem Uhrenmacher, hohe Wellen geschlagen. Der 14-jährige Schüler aus den USA hatte eine Uhr hergestellt, die er seinem Lehrer zeigte, der ihn wiederum verhaften ließ, weil er in der Uhr eine Bombe erblickte. Hier wird sichtbar, wie die Verbreitung des Bildes vom "muslimischen Terroristen" im Alltag seine Wirkung entfaltet. In den multikulturellen und gesellschaftlich inkludierenden Vereinigten Staaten reagierte Präsident Barack Obama mit einer Einladung des junen Mannes ins Weiße Haus immerhin respektabel. Trotz vieler restriktiver Maßnahmen wie der Einschleusung von Spionen in religiöse Netzwerke oder restriktiven Einreisebeschränkungen durch das nach 9/11 gegründete Homeland Office, die immer wieder zu Protesten auf Seiten von Muslimen führen, wirkt die inklusive Identitätspolitik der USA integrierend.

Im Gegensatz dazu tun sich europäische Politiker damit oftmals schwerer. Während in den USA die Tea Party die Republikaner jagt, bestimmen in westeuropäischen Ländern rechte Parteien den öffentlichen Diskurs und damit auch jenen der ehemaligen Zentrumsparteien. Das führt dann etwa auch dazu, dass selbst Spitzenpolitiker nicht wagen, öffentlich dem Satz "Der Islam ist ein Teil von Österreich" zuzustimmen. Dieses ethnisch-kulturell engere Identitätsverständnis in Ländern wie Deutschland und Österreich gibt im Gegensatz zu den multikulturellen USA einen anderen Rahmen für demokratische Teilnahme vor.

Die konkreten politischen Rahmenbedingungen sind vermutlich viel entscheidender für das Einbinden von Muslimen in demokratische Gesellschaften im Westen als die Frage der theoretischen Verbindung von Demokratie und Islam. Ein Blick in die österreichische Parteienlandschaft genügt, um zu sehen, dass Muslime in allen Parteien aktiv sind.

Das reicht von den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP bis hin zu den Oppositionsparteien, also den Grünen, den NEOS - und schließt selbst die FPÖ nicht aus. Ähnliches gilt für andere westliche Länder.

Damit sollte nicht die Religion im Zentrum der Analyse stehen, sondern individuell konstruierte Wahrheiten, wie entlang eigener Präferenzen gehandelt wird und wie das eigene Religiöse neu gedeutet wird. Das Konzept der Islamdemokratie in Anlehnung an die Christdemokratie, wie es in den Reihen der AKP auftauchte, ist dabei nur ein möglicher Weg unter vielen, wie Islam und Demokratie miteinander verbunden werden können.