Als Europa noch keine Angst hatte, hielt es sich für ein Friedensprojekt. Das ist noch gar nicht so lange her. Man war stolz auf das eigene politische Schaffen und eine herausragende Stellung in der Welt, auf die Funktion des Vorbildes für alle Völker und Nationen, für die Unterdrückten und die Rechtlosen. Einzelne, wie die Ukrainer, wagten sogar den Aufstand und eine Revolution für eine Annäherung an die Union. Europäisches Gedankengut befruchtete die Revolte des Arabischen Frühlings. Die EU verlieh Preise für Menschenrechte und bekam selbst den Friedensnobelpreis.

Brüssels Freiheitsstatue



Als Europa noch keine Angst hatte, begann man eine Zukunft zu ahnen, in der die "sanfte Supermacht" endlich auch realpolitische Durchsetzungskraft gewänne. Auf Kongressen zur Zukunft Europas verpflanzten Philosophen und Zukunftsdenker gedanklich bereits die Freiheitsstatue von New York nach Brüssel - mitsamt ihrer Inschrift: "Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free." Und heute? Man stelle sich vor, was heute mit der Freiheitsstatue und ihrer Inschrift passieren würde - in Wien, Prag, München. Give me your masses! Welch ein empörender Imperativ.

Europa ist ein Ort der Angst geworden. Der Philosoph Slavoj Zizek meint, die Angst sei eine "konstitutive Grundlage der heutigen Subjektivität". Was aber heißt das für eine ganze Staatengemeinschaft? Zu erleben ist tagtäglich eine höchst aktive und virulente Vereinzelung und Fragmentierung der Staaten, die auf der Grundstimmung einer "Verlassenheit in der Vielfalt" statt der vielbeschworenen Einheit liegt. Am deutlichsten wird diese Verlassenheit sichtbar, wenn die Staats- und Regierungschefs Europas einander auf ihren Krisengipfeln belauern.

Dann werden Abwehrängste sichtbar, die in ihrer medialen und auch politischen Darstellung allesamt die Maske des Flüchtlings tragen - ob sich hinter ihnen nun die Angst vor Terror, sozialer Abstieg, Armut, Hilflosigkeit oder Religionsraub verbirgt. So verteidigen die Ungarn mit NATO-Draht ihre Grenzen und schieben die Massen nach Österreich weiter, die Österreicher wehren sich (wohl bald) mit Maschendraht und schieben die Massen nach Deutschland, und die Deutschen arbeiten mit Grenzbalken und schieben Massen, ja wohin? Von Bayern nach Nordrheinwestfalen, von dort nach Brandenburg, nach Mecklenburg-Vorpommern. Und dort, wo sich Angst und Ärger im gemeinsamen Wortstamm "Angor", der beklemmenden Enge, vereinen, brennen Flüchtlingsheime statt Freiheitsfackeln.

Ende des Mythos


Dabei hätten wir beinahe an das positive Ende unseres eigenen Mythos zu glauben gewagt. An diese bittersüße Geschichte, die uns von einer Prinzessin aus Phönizien (heute Syrien und Libanon) erzählt wurde. Diese Königstochter, die entführt wird und verschwindet; nach der gesucht wird von ihrem Bruder, den es an ein fremdes Gestade verschlägt; der verflucht wird zum Krieg - und dann, vom Fluch befreit, sein Land durch Handel zu Glück und Wohlstand führt. Diesen Kontinent benennt Kadmos, der erste König Thebens, nach seiner verschwundenen Schwester: Europa.

Wie schön hätte dieses Narrativ Europas Sinn verbildlicht: seine Verwurzelung in den Kulturen des Nahen Ostens, die Besiedelung des Kontinents durch Migration, seine Selbstschädigung in den Jahrhunderten der Kriege. Und schließlich seine Selbstbefreiung, indem es seine Energie in wirtschaftliche Produktivität investierte statt in die Ernährung von Kriegsmaschinerien.

Der Binnenmarkt wäre Basis für den Völkerfrieden und den Reichtum der Kulturen. Und hatten nicht schon die berühmtesten Ökonomen aus den verschiedensten politischen Richtungen kommend, wie etwa John Maynard Keynes oder Karl Marx, einen ganz ähnlichen Traum? Dass die Wirtschaft ein Produktivitätsniveau erreicht, das den Menschen frei sein lässt von Arbeit und Existenzangst. Was ging auf dem Weg dahin schief, dass nun alle Honoratioren, von Peter Sloterdijk über Helmut Schmidt bis Nouriel Roubini, Europa auf dem Weg des Scheiterns sehen?

Gewöhnlich wäre an dieser Stelle eine lange Abhandlung über das Scheitern der politischen Eliten zu erwarten, ihre Dummheit und Arroganz, ihre Unfähigkeit, aktuelle Probleme zu lösen; über das Scheitern der Idee Europas an Ungarns Premier Viktor Orban, und das Scheitern der politischen Moral von Angela Merkel mit ihrem Satz "Das schaffen wir", was so nicht zu schaffen ist. Aber so sehr dieser Befund auch stimmt, er greift zu kurz. Denn das Scheitern von heute ist lange vorprogrammiert - seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.

Triumph des "Guten"


Tatsächlich hat die Europäische Union nach 1945 den Krieg der Nationen durch das marktwirtschaftliche Miteinander der Nationen ersetzt. Der Erfolg des Zweckmäßigen (nämlich einander nicht mehr umzubringen und den Kontinent periodisch in Schutt und Asche zu legen) wurde danach als ein moralischer Erfolg verkauft, als der Triumph des "Guten". Mehr noch: Man vermittelte den Eindruck, als würde der Reichtum sich quasi von selbst aus der Demokratie entwickeln. Europa war nun neben einer Wirtschafts- auch eine Werte-Gemeinschaft.