Ein indisches Hochzeitspaar: Der Ehemann trägt Geldgeschenke um den Hals.Foto: Janet Wishnetsky/Corbis
Ein indisches Hochzeitspaar: Der Ehemann trägt Geldgeschenke um den Hals.Foto: Janet Wishnetsky/Corbis

Im Rahmen von Debatten um so- genannte Importbräute kehrt ein befremdendes Narrativ immer wieder: die gekaufte Frau. Dabei wird die Brautgabe als Brautpreis missverstanden. Ein ethnologischer Blick auf Heirat und Ehe offenbart, dass vielerorts zu einer gelungenen Beziehung mehr gehört als Liebe, Hormone und Schmetterlinge im Bauch.

Es ist in westlichen Kulturen üblich geworden, eine Eheschließung ausschließlich als Angelegenheit zwischen zwei Personen zu feiern, die niemanden sonst etwas angeht. Ethnologisch gesehen ist eine solche Gesinnung eine Ausnahmeerscheinung, eine Eigentümlichkeit liberaler Industriegesellschaften, die sich innerhalb der letzten hundert Jahre herausgebildet hat.

Anderswo auf der Welt krönt eine Heirat nicht primär das Glück von zwei Menschen, sondern sichert die Verbindung von zwei Familien oder zwei sozialen Einheiten, schmiedet Allianzen, schafft Gruppenzugehörigkeiten und stärkt ökonomische Positionen. Um solcherart Netzwerke zu schaffen, werden nicht nur Heiratspartner, sondern auch materielle Werte zwischen den Parteien verhandelt. Sowohl Geld als auch Sachleistungen, Mobiles und Immobiles wechseln die Besitzer. Die einen geben, die anderen nehmen, der Gütertransfer ist unmittelbar an die Eheschließung gekoppelt, aber er kann in verschiedenen Richtungen erfolgen, als Brautgabe und/oder als Mitgift.

Die Brautgabe


Die Brautgabe fließt vom Bräutigam oder dessen Verwandtschaftsgruppe zur Familie der Frau. Inzwischen wird seltener vom Brautpreis gesprochen, weil der Preis die Assoziation zu materiellem Wert, zu Kauf und Verkauf begünstigt. Frauen werden nicht gekauft. Die Brautgabe ist eine Transferleistung an die Verwandtschaftsgruppe der Frau, die eine Angehörige, eine Arbeitskraft und ein Glied in der Netzwerkkette verliert.

Das andere Element des Wertetransfers, die Mitgift, ist, wenn man so will, das Gegenteil der Brautgabe; der Unterschied liegt in der Richtung, in der die Übermittlung erfolgt, hier bezahlen die Eltern der Braut an den Bräutigam oder dessen Familie.

In der ethnologischen Literatur werden - zurückgehend auf Jack Goody - Heiratstransaktionen, Besitzverteilung und Eheformen in Beziehung gesetzt: Die Brautgabe - eben der Transfer von Werten an die Familie der Frau oder die Frau selbst - gehe Hand in Hand mit Polygynie (ein Mann heiratet mehrere Frauen). Die Mitgift - Güter werden von den Brauteltern der Tochter in die Ehe mitgegeben - hingegen wurde in Zusammenhang gebracht mit Hypergamie (die Frau heiratet sozial nach oben) und einer Tendenz zur Monogamie. Diese Korrelation von Kulturelementen wird natürlich als zu verallgemeinernd kritisiert, aber als Grundgerüst ist sie praktisch, und man kann darauf aufbauen.

Jedenfalls ist unumstritten, dass der Transfer von Personen im Rahmen einer Eheschließung eine ökonomische Komponente aufweist. Denn die Brautgabe ist dann besonders hoch, wenn die Frau als unverzichtbare Arbeitskraft wesentlich zum Haushaltseinkommen beisteuert. Folgerichtig ist es bei der Mitgift genau umgekehrt. Betrachtet man deren Relation zur Arbeitskraft, muss man feststellen, dass sie dort vorkommt, wo die weiblichen Familienmitglieder nicht außer Haus tätig sind, um zur Existenzsicherung beizutragen: im feudalen Europa, in den Kreisen der Reichen, wo die soziale Funktion von Frauen in der Reproduktion besteht, in Kinderaufzucht, Repräsentation und Haushaltsführung. Gesellschaftlich sollte der weibliche Anteil als gleichrangig zum Beitrag von Männern gewertet werden, ein Anliegen der feministischen Agenda, dessen Erfolg bescheiden ist. Denn es sind Männer, die durch ihre Außenbezüge das Geld in die Familie hineinbringen, während Frauen, um den Haushalt in Schwung zu halten, dieses wieder nach außen abführen.

Die Mitgift


Um es überspitzt zu formulieren: Wo Frauen Geld nicht verdienen, sondern ausgeben, daher Kosten verursachen, dort muss der Vater bezahlen, um die Tochter verheiraten zu können. Diese Zahlung ist die Mitgift.

Für den islamischen Bereich ist die Brautgabe im Koran (2,229; 4,4) festgelegt und steht der Braut zu und nicht ihrer Familie. Sie ist in diesem Falle nicht als Entschädigung für den Verlust eines Mitglieds und einer Arbeitskraft zu werten, sondern als soziale Absicherung für Frauen.

Was im 7. Jahrhundert festgelegt wurde, hat sich freilich im Laufe der Zeit und über große Räume hinweg an lokale Bedingungen, familiale/männliche Interessen und Machtstrukturen angepasst. Von den vielen Variationen und Funktionen der Brautgabe sei hier eine wichtige - die vom Propheten Mohammed intendierte - hervorgehoben: Sie dient der sozio-ökonomischen Absicherung von Frauen, denn häufig wird sie nicht bei der Hochzeit ausbezahlt, sondern stellt eine Art Rücklage dar, die nur beim Vollzug einer Scheidung oder beim Tode des Gatten fällig wird. In diesem Fall gibt die nicht ausbezahlte Transferleistung der Frau ein erhebliches Druckmittel in die Hand, denn die Trennung bedeutet einen nicht unbeträchtlichen finanziellen Verlust für den Gatten und gegebenenfalls dessen Verwandtschaftsgruppe.