Künstlicher Winter

Laut Wetterbericht von Al Jazeera hätte es draußen 50 Grad im Schatten, wo immer dieser zu finden sein könnte. So zeigt das Autothermometer, trotz Klimaanlage, erfrischend angenehme 42 Grad. Wasser ist weit und breit keines in Sicht, auf der Autobahnfahrt in das nordöstlichste Emirat an der Grenze zur Halbinsel Musandam, die großteils Staatsgebiet des Oman ist. Kahle Bergketten tauchen im diesigen Dunst nur schemenhaft auf, angeblich soll es oben bisweilen etwas Schnee geben. Laut "Gulf News" könnte einer der Hügel teilweise überdacht werden, für eine richtige Ganzjahres-Skipiste. Auch eine 36 Kilometer lange Stichstraße zum Gipfel des Jebel Jais auf 1900 Metern Höhe steht vor der Fertigstellung, eine Resortanlage in Gestalt eines gigantischen Adlernestes - geplant vom Office for Metropolitan Architecture - ist in Projektierung. "Derzeit experimentieren wir mit Techniken, die im Winter ausreichend Schnee und Eis erzeugen", sagt Salem Sultan Al Qassimi, Vorsitzender der Zivilluftfahrtsstelle von RAK.

Bis dahin muss sich die Zielgruppe wohl mit Jetski und Wasserski begnügen und hoffen, dass der avisierte Real-Madrid-Themenpark in RAK in die Umsetzungsphase kommt. Kein überraschender Schritt: Emirates, Dubais nationale Fluglinie, verfügt bereits über Partnerschaften mit europäischen Topklubs wie AC Milan, Real Madrid oder Paris Saint-Germain und hat sich 2004 die Entscheidungshoheit über den britischen Traditionsverein Arsenal London gesichert. Ein Spielzeug mehr.

Seit 2006 ist das Wochenende auf Freitag und Samstag verlegt worden, um Shopping Trips zu erleichtern. Shopping als Entertainment und Event erfindet sich alljährlich neu - seit 1996 ist das mehrwöchige Dubai Shopping Festival ein Fixpunkt im Veranstaltungskalender, das Jahr für Jahr Millionen Besucher anlockt.

Tourismus sorgt schon heute für mehr als ein Viertel der Staatseinnahmen. Das sollte deutlich mehr werden, denn die Ölvorkommen gehen zur Neige und Plan B, die Zukunft als Finanzdienstleistungszentrum, scheint derzeit reichlich unsicher. Denn seit Beginn der globalen Finanzkrise 2008 sind viele Megaprojekte sanft entschlafen.

Für die touristische Vision fehlen noch rund 30.000 Betten und ein neuer Flughafen, der - richtig erraten - natürlich der weltgrößte sein könnte und im Endausbau für 120 Millionen Passagiere jährlich konzipiert sein soll. Neue Stadtteile wie Bawadi, die arabische Variante von Las Vegas, mit 31 neuen Hotels und 29.000 Betten, wurden jedoch 2014 endgültig auf Eis gelegt. Allein das Asia-Asia Hotel hätte 6500 Gäste beherbergt, wäre es je fertig geworden. Auch die Eröffnung des Hydropolis, ein Zehn-Sterne-Unterwasserhotel, zwanzig Meter unter dem Meeresspiegel mit Zimmerpreisen von 5000 US-Dollar pro Nacht, wurde storniert. Selbst der "Queen Elizabeth 2", die vor geraumer Zeit in Dubai ihren letzten Hafen gefunden hat, ging es schon einmal besser: Das legendäre Kreuzfahrtschiff sollte bis 2015 zu einem schwimmenden Hotel mit bordeigenem Einkaufszentrum werden, liegt aber noch aufgedockt in Port Rashid.

Die Palmeninseln

Das Hotel Atlantis auf den Jumeirah Palmeninseln (Palm Jumeirah) ist dagegen schon fertig. Über einen sechsspurigen Autotunnel erreichbar, wurde die Anlage im Herbst 2008 eröffnet und besitzt bescheidene 1539 Zimmer, einen Wasser-Vergnügungspark von 17 Hektar und eine eigene Shoppingmeile. Die Landaufschüttungen vor der Küste, vielfach in Gestalt von Palmeninseln aus der Vogelperspektive, nehmen Gestalt an, auch wenn das Projekt Palm Deira momentan auf Eis liegt.

"DubaiLand" wird noch ein wenig brauchen, bis es Disneyland in den Schatten stellen kann: Der Baustopp im größten Freizeitpark der Welt wurde 2013 aufgehoben. Bis 2020 rechnet man mit bis zu 200.000 Gästen täglich, auch wenn die Wasser-Vergnügungsparks wie Aqua Dubai und Aqua Dunya zunächst einmal trocken bleiben werden. Ob sich das Dubai Wheel - das größte Riesenrad der Welt, was sonst? - je drehen wird, liegt ebenfalls noch im Dunst der Wüste.

Tausend und ein paar Nächte: Viel länger sollte es kaum mehr dauern, bis das moderne Märchen am Golf sein Happy End gefunden hat. Oder auch nicht, sagen nicht nur Skeptiker des vereinigten emiratischen Größenwahns. Themenparks sind vor allem wichtig, wenn gesellschaftliche Themen fehlen, die über protziges Moneymaking und Steigerung von Touristenzahlen hinausgehen.