Die Seele scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein; der Mensch hat andere Sorgen, und man kann es ihm nicht verübeln, wenn er sich lieber dem Tagesgeschäft widmet, als der Frage nachzugehen, was denn die Seele sein könnte. Im Wörterbuch der philosophischen Begriffe lesen wir: "Seele (griechisch: psyche, lateinisch: anima, Grundbedeutung beider: ‚Hauch‘) heißt ursprünglich die ‚Bewegliche‘, was auch Volksglauben und Märchen bestätigen, indem sie die Seele als ein bewegliches Wesen (Vogel, Maus, Schmetterling, Schlange) darstellen. Bei vielen Völkern gab es Vorstellungen über einen Lebensgeist, der im Körper wohnen muss, solange dieser sich regt, aber im Augenblick des Todes . . . entweicht."

Eine erste tiefgründige Theorie der Seele wird vom griechischen Philosophen Platon entwickelt. Er führt Seele und Geist zusammen, eine Vereinigung, die auf Kosten des Körpers geht, dem Platon nicht über den Weg traut. Die Leiblichkeit des Menschen gilt ihm als ständiger Quell unguter Versuchungen, denen zu begegnen es einer wehrfähigen Vernunft bedarf. Der Geist arbeitet als "Steuermann der Seele" und ist, da er im Fadenkreuz von Verführungen steht, immer im Dienst. Die Seele stellt sich Platon als unsichtbar und unsterblich vor; sie ist das Kraftfeld, auf dem sich der Ewigkeitsanteil des Menschen zu erkennen gibt.

Alles, was er weiß, bezieht der Mensch durch eine zeitübergreifende Wiedererinnerung an die "Ideen", die Urbilder, die allem zugrunde liegen: "Da die ganze Natur unter sich verwandt ist und die Seele alles innegehabt hat, so hindert nichts, dass, wer nur an ein einziges erinnert wird (was bei den Menschen lernen heißt), alles Übrige selbst auffindet, wenn er nur tapfer ist und nicht ermüdet im Suchen. Denn das Suchen und Lernen ist demnach ganz und gar Erinnerung . . ."

Und Platon fügt hinzu: "Jede Seele ist unsterblich . . . Nachdem sich . . . das von sich selbst Bewegende als unsterblich gezeigt hat, so darf man sich auch nicht schämen, eben dieses für das Wesen und den Begriff der Seele zu erklären. Denn jeder Körper, dem nur von außen das Bewegt-werden zukommt, heißt unbeseelt, der es aber in sich hat, aus sich selbst, beseelt, als sei dieses die Natur der Seele. Verhält sich aber dieses so, dass nichts anderes das sich selbst Bewegende ist als die Seele, so ist notwendig auch die Seele unentstanden und unsterblich."

Die Seele unter der Gnadenaufsicht Gottes

Mit dem Erscheinen des Christentums in der Welt erhält die Seele zusätzliches Gewicht. Sie wird zum eigentlichen Weltinnenraum, der, einerseits, nur Durchgangsstation ist, denn der Mensch wird geboren und stirbt, andererseits aber auch ein schimmerndes Ausgangsportal zur Ewigkeit besitzt, auf das sich die Hoffnungen der Gläubigen richten. Die wahre Existenz des Menschen, so lautet die frohe Botschaft des Christentums, entfaltet sich erst im Jenseits. Die Seele wird unter die Gnadenaufsicht Gottes gestellt; ihr Dasein auf Erden gleicht einem Arbeitsdienst, für den als Entgelt, folgerichtig, auch nur Gotteslohn zu erwarten ist. Als Philosophie wagt das Christentum keinen kompletten Neuanfang, sondern schließt an vorhandene Denktraditionen an.

Der Philosoph Plotin verbindet platonische Vorstellungen mit der christlichen Gottesbotschaft, wobei er die Seele noch mehr erhebt als seine Vorgänger, was vielleicht auch daran liegt, dass Plotin eine fast schon krankhafte Abscheu vor allem Körperlichen gehabt haben soll. Über der Einzelseele des Menschen, so Plotin, erhebt sich die Weltseele, die wiederum von Geist und Gott abhängt. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich dank seiner geistigen und seelischen Fähigkeiten nach oben, in die Gottessphäre, oder nach unten, in die abgründige Welt des Bösen und Banalen, bewegen kann.

Dass die Seele des Menschen nicht mehr Gott angehört, ist einer Art vorgezogenen Emanzipation zu verdanken, die nur Schaden anrichtete: "Der Anfang des Unheils für sie (die Seelen) war die Überheblichkeit und der Wille, sich selber anzugehören. Und indem sie ihre Lust hatten an dieser Eigenmächtigkeit und sich immer mehr dem selbstischen Triebe hingaben, liefen sie den entgegengesetzten Weg, machten den Abfall immer größer und vergaßen, dass sie selbst von dort her stammen, Kindern vergleichbar, welche, früh ihrer Väter beraubt und lange entfernt von ihnen aufgezogen, sich selbst und ihre Väter nicht mehr kennen . . ."

Ein bis heute unübertroffener Seelenkundler war der Philosoph und Bischof Aurelius Augustinus. Er, der von 354 bis 430 nach Christus ein bewegtes Leben führte, dem nichts Menschliches fremd war, wird heute als Kirchenvater verehrt, dessen Lehre die katholische Kirche in ihrem Sinn auslegt, also im Zweifelsfall eher kirchlich als väterlich. Augustinus erweist sich als Meister der Intuition und psychologischen Feinabstimmung; er deutet die Seele des Menschen wie eine Bewusstseinslandschaft, die, ungeachtet ihrer offensichtlichen Schönheiten, nie ganz zu überblicken ist.

Sigmund Freud, gezeichnet von Nicolas Mahler.
Sigmund Freud, gezeichnet von Nicolas Mahler.