Dadaistische Collage: "Tatlin lebt zu Hause" von Raoul Hausmann (1920). - © The Gallery Collection/ Corbis
Dadaistische Collage: "Tatlin lebt zu Hause" von Raoul Hausmann (1920). - © The Gallery Collection/ Corbis

Ein Alien, gelandet im Herzen der Schweiz. Mitten im Ersten Weltkrieg, als das Europa des 19. Jahrhunderts vor Verdun und in rumänischen Sümpfen, in den Dolomiten und in Galizien im Trommelfeuer der Maschinengewehre und in Senfgasnebeln versank, trat in Zürich, Hauptstadt des einzigen zentraleuropäischen Landes, in dem nicht grausam gekämpft wurde, eine noch nie gesehene Gestalt auf eine Kabarettbühne. Genauer gesagt, diese in Pappröhren gezwängte Erscheinung wurde auf die Bühne getragen. Denn von alleine konnte sich der 30-jährige Autor Hugo Ball, gertenschlank, großgewachsen und mit auffallend weißem Teint, in diesem Kostüm nicht bewegen. Dafür strömte aus seinem Munde eine rätselhafte Totenklage: "ombula take biti solunkola tabla tokta tokta takabla taka tak".

Es war der 14. Februar 1916. Und Ball und seine Mitwirkenden des Cabaret Voltaire trugen in einem gutbürgerlichen Zunfthaus in der Spiegelgasse die Kultur Europas zu Grabe: durcheinander pfeifend, singend, rezitierend.



Weltweite Wirkung

Dada war geboren, jene Kunstbewegung, die alles auf den Kopf stellte - und sich gleich mit. Denn: Dadaisten, so der Dadaist Raoul Hausmann, waren zugleich Antidadaisten. Sie stellten die "Bierbauchkulturepoche", wie die Dada-Künstlerin Hannah Höch sagte, lachend bloß - und machten vor sich selber erst recht nicht Halt. "Was ist dada?" fragten sie sich selbst: "Eine Kunst? Eine Philosophie? Eine Politik? Eine Feuerversicherung? Oder: Staatsreligion? Ist dada wirklich Energie? Oder ist es Garnichts, d. h. alles?"

Das Erstaunlich-Staunenswerte: Dada wurde im Handumdrehen international. Dada war der erste Avantgarde-Virus des 20. Jahrhunderts mit weltweiter Wirkung. Zuerst wurde einmal Zürich infiziert. Fast sechs Monate lang arbeiteten dort äußerst unterschiedlich temperierte Charaktere miteinander: der asketische Hugo Ball, der so wie der Medizinstudent Richard Huelsenbeck aus dem Deutschen Reich emigriert war, nur dass Huelsenbeck geradezu verzweifelt Dichter sein wollte, aber keine Form und auch keinen Stoff für sich fand.

Dazu der knapp mittelgroße, rundbebrillte Tristan Tzara aus Paris, ein gebürtiger Rumäne, der eigentlich Samuel Rosenstock hieß, Französisch mit noch immer starkem Akzent sprach und vor Energie zu bersten schien. Und der eigentliche "Stern" der Voltaire-Abende, die "Dadafee" Emmy Hennings, inzwischen mit Ball verheiratet, nachdem sie zuvor mehr als zehn Jahre durch Cabarets getingelt war (siehe Artikel über Emmy Hennings.).

Es gab Dada in Berlin. Dort war die Bewegung viel politischer und durch George Grosz, die Zeichensensation der vergangenen zwei Jahre - keiner nahm künstlerisch bissiger die Gegenwart aufs Korn -, rabiat und energisch. Der sich nach Ruhm sehnende Huelsenbeck war das verbindende Kettenglied. Seit Jänner 1917 zurück in Berlin, hatte er in Grosz, Raoul Hausmann, Walter Mehring, Franz Jung, Johannes Baader, Hannah Höch, John Heartfield und Wieland Herzfelde Mitstreiter gefunden, um den "Dada-Klang" zu kreieren. Berlin war härter, Zürich ein "Luftkurort", wie Huelsenbeck wenig später herablassend meinte.

Dada wurde zum Spiel, war aber nun getrieben von einem Hass auf die "gute Gesellschaft", der mitunter so stark war, dass er alles bloßstellte und nichts übrig ließ. Dada schüttelte die letzten Relikte von Ästhetik, Philosophie und Ethik ab und wurde so vielleicht zu dem, was es immer gewollt hatte: zu einer bloßen Stimme, einem Sound. Und zu einem Wortfeuerwerk. Mit "dada" wurde alles kombiniert. Das Wort tauchte als Zusatz in Textmontagen und Collagen auf, es wurde auf Reklametafeln und Kleider gedruckt.

Die "Dada-Baroness"

Und es gab Dada in Paris, anfangs nur in Gestalt von Tristan Tzara, später kam noch der Maler Francis Picabia dazu. Durch Genf irrlichterte der Dadaist Walter Serner, wenig später Autor einer eleganten Handreichung für Hochstapler, und verschickte frei erfundene Bulletins über zahllose Dada-Veranstaltungen, von der keine einzige jemals stattgefunden hatte. In Hannover ließ sich Kurt Schwitters von Dada infizieren. Es gab aber auch Dada in Belgien - und Übersee.

In New York geisterte die selbst erklärte "Dada-Baroness" Elsa von Freytag-Loringhoven, geborene Else Hildegard Plötz, als bitterarme Dichterin, Performancekünstlerin, Modell und lebendes anti-bürgerliches Kunstwerk durch die Salons des Bürgertums und die Ateliers der Bohème. Im Frühjahr 1918 tauchte sie atemberaubend extravagant im Hause von Jane Heap auf, der Herausgeberin des angesehenen Kultur- und Kunstmagazins "Little Review". Sie trug einen schottischen Männerkilt, hatte um die Gamaschen Möbelborten geschlungen, von ihrer Baskenmütze hingen lange Eisbecherlöffel herab, und am Finger trug sie einen mit Schrot gefüllten Ring. "Vor ihrem Busen baumelten zwei Tee-Eier, von denen das Nickel abgeblättert war", berichtete Heap später. Und ergänzte die Erinnerung um die Einschätzung: "Die Baroness ist die erste amerikanische Dada. Sie ist die Einzige auf der Welt, die sich Dada kleidet, Dada liebt, Dada lebt."