"Sie ist die Einzige auf der Welt, die sich Dada kleidet, Dada liebt, Dada lebt": Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, 1915. - © Bettmann/Corbis
"Sie ist die Einzige auf der Welt, die sich Dada kleidet, Dada liebt, Dada lebt": Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, 1915. - © Bettmann/Corbis

Aber war Dada nur ein Narrenspiel aus dem Nichts, wie es "Oberdada" Hugo Ball später etwas mokant abtat, eine "Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle"? Wie lebendig und zeitgenössisch Dada war und geblieben ist, zeigen Neuerscheinungen und Neuauflagen. Michael Mittelmeier legt eine essayistische, erhellende mentalitäts- und geistesgeschichtliche Darstellung inklusive ausgreifender Abschweifungen vor, die sich an Personen (vor allem Hugo Ball), Orten und Denkbewegungen orientiert. Dada war laut Mittelmeier "der explosivste, konsequenteste, schrillste und vielfältigste Versuch, Kunst, Literatur und Sprache aus den Fängen bürgerlicher Ideologie zu befreien, sie der Musealisierung und Intellektualisierung zu entreißen und mit den Forderungen des täglichen Lebens zu konfrontieren".

Dada kam nicht aus dem Nichts. Es war keine Momenteingebung. Die zeitliche Zündschnur lief zurück bis zum italienischen Futurismus, der 1911 aufgekommen war und Rasanz, Tempo und die Gleichzeitigkeit von allem propagiert hatte. Dada war auch eine unmittelbare Reaktion auf die unsagbaren und noch nie dagewesenen Gräuel des Ersten Weltkriegs. Am 3. Oktober 1914 hatte Georg Trakl seinem Leben ein Ende gesetzt, nachdem er hilflos als einziger Sanitäter in der Schlacht von Grodek Hundert Schwerstverletzte und Sterbende versorgen musste und einen schweren Nervenzusammenbruch erlitt, aus dem für ihn einzig das Morphium der Ausweg war. "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung", heißt es in seinem letzten Gedicht "Grodek", das unmittelbar Bezug nimmt auf das infernalische Höllenloch, das er nicht überlebte.

Höhnisches Lachen

Dadas Lachen war vor allem deswegen nicht zu überhören, weil es so treffsicher höhnisch war. So wurden alle Tradition und alles Traditionalistische parodiert und bloßgestellt, wie etwa der deutsche Ordnungssinn, das kapitalistische Geschäftsgebaren und das Zuschneiden neuer Staaten in den Friedensverträgen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Untergang der drei großen Monarchien in Mittel- und Osteuropa. In der ersten Nummer der Zeitschrift "Der Dada" war auch folgende Annonce zu lesen: "Der Club dada hat ein Bureau für Lostrennungsstaaten eingerichtet. Staatsgründungen in jedem Umfang laut Tarif. Hier und Dorten."

Was dieses Hohnlachen auslöste, waren wütende Reaktionen und Proteste - mit denen die Dadaisten allzu gerne rechneten. Und die sie einrechneten. Man muss sich die akute Diskrepanz vor Augen halten: Die ungebärdigen, ja scheinverrückt agierenden Dadaisten lebten Tag für Tag in einem strikt obrigkeitsgläubigen, militaristischen Zensur-Staat, dem mit Wilhelm II. ein Kaiser vorstand, der schon den Impressionismus abgelehnt hatte. Es war ein Land der späten Epigonen, der mit Stock strafenden Lehrer, in denen diese Extrem-Avantgarde eine winzige Gruppe war - allerdings eine, die vollkommen zeitverschoben agierte.

Das erfuhren die Dadaisten beispielsweise in Berlin am 12. April 1918, als sie ihre erste große Soirée in der dortigen Sezession veranstalteten. Die Presse, seit Jahren im Kriegsmodus, beschrieb den Auftritt mit folgenden Worten: "Die ‚Sezession‘ erlebte Trommelfeuer, Sturmangriffe, und einige drehten sich in dem Spektakel, von plötzlichem Nervenchok befallen, veitstänzerisch." Was wohl noch untertrieben war. Es war ein heilloses Spektakel aus Lärm, Krawall, Durcheinander und Geschrei; drei Lieder wurden gleichzeitig gebrüllt, dazwischen die Anwesenden beschimpft und Linke wie Rechte beleidigt - es war kurzum eine Provokation des Publikums.

Ein Berichterstatter lieferte eine plastische Beschreibung: "Ein unglaubliches Durcheinander von Pfeifen, Gelächter und Entrüstung. Hausschlüssel gaben ihr Letztes her, ein Feldgrauer rief nach dem Schützengraben. Alles stand auf Stühlen, Wiehernde, die nicht mehr konnten, fielen japsend einander um den Hals, ruhigere Naturen rauchten gemütlich, als wären sie im Varieté. Hier und dort verriet sich in der Menge ein Armefuchtelnder durch seine Emphase als Dadaist, während die Flapsigkeit am Pult unbeirrbar ihre grotesken Zynismen zwischen die Köpfe schmiss." Richard Huelsenbeck ließ überdies noch einen Sonderdruck verteilen, sein "DADAistisches Manifest", das Raoul Hausmann zufolge wie ein Vulkanausbruch wirkte.

Als vorletzte Nummer trat George Grosz auf. Der soignierte "Berliner Börsen-Courier" war entsetzt: "Dann spielte George Groß Niggersongs singend, mit amerikanischer Boxermiene, Fußball mit den Schädeln der Zuhörer." Niggersongs! Mitten in Deutschland! Amerikanische Boxermiene in der Reichshauptstadt! Köpfe als Fußball verwendend! Und das zu einer Zeit, als die Bürger treugläubig ihre Vermögenswerte in bald wertlose Kriegsanleihen umwandelten, um dem Dienst am Vaterlande nachzukommen. Raoul Hausmann wollte eigentlich den Abend mit seinem Vortrag "Das neue Mate- rial in der Malerei" beenden. Dazu kam es aber nicht mehr. Die Saalleitung drehte ihm, der seine Thesen über den Krawall der anderen hinweg schrie, buchstäblich das Licht ab.

Das Resümee, das damals ein Journalist zog, klingt erstaunlich vertraut - und passt Wort für Wort auf viele spätere avantgardistische Auftritte und Projekte, von Valie Export über die Wiener Aktionisten, Ernst Jandls Lautgedichte und Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" bis zu Jeff Koons-Ausstellungen: "Man könnte auch ungehalten tun, weil solche Späße nicht in die Zeit passen. Aber ein Publikum, das in Scharen sein Geld selbst dorthin trägt, wo sich die Albernheit schon im Titel ankündigt, wird doch nicht hinterdrein ein Recht auf Entrüstung geltend machen wollen."

Ausrufezeichen!

Dada-Literatur war nicht gedacht zum besinnlichen Lesen im stillen Kämmerlein. Die Lautgedichte waren zum lauten Niederprasseln auf Zuhörerohren bestimmt. Dass die Dadaisten in Manifesten dachten, war kein Zufall. Propaganda war alles, das Ausrufezeichen das Lieblingssatzzeichen. Leise und subtil war kaum etwas. Auch Dada-Kunst war laut und raumgreifend. Es war eine Kunst des Megaphons, der Zerrissenheit, der Brutalität. Riesenköpfe wurden auf winzige Körper montiert. Die Münder waren bis zum Hals aufgerissen. Es war Groteskkunst in einer grotesken Zeit, in der Altes unterging - und Neues schnell wieder zusammenzustürzen drohte, so wie die junge deutsche Republik zwischen Umsturzversuchen von Links und von Rechts.