Dada war aber auch eine Durchgangsstation. Diese Bewegung verweigerte sich von Anfang an der Dauer. Man kann nicht ewig brüllen. Nach sechs Monaten endete Dada in Zürich auf der Bühne. Die Balls fanden, nachdem sie 1917 endgültig mit Dada gebrochen hatten, zu einem mystisch angehauchten Katholizismus. Huelsenbeck beendete sein Medizinstudium, wurde Arzt, und war in den Zwanziger Jahren als Reiseschriftsteller unterwegs. Tristan Tzara heiratete reich, ließ sich von Adolf Loos in Paris-Montmartre ein extravagantes Haus bauen und schloss sich den Pariser Surrealisten und Kommunisten an.

George Grosz machte 1922 eine Russlandreise, die ihn, den bissigen Menschenbeobachter und gelegentlichen Menschenverächter, von allen kollektivistischen Träumereien befreite; er trat umgehend aus der KPD aus - und malte neusachlich. Und er hatte 1932 das Glück, eine Einladung als Kunstschulprofessor in New York anzunehmen; im Jänner 1933 übersiedelte er ganz dorthin und kehrte erst nach 26 Jahren zurück nach Berlin, um fünf Wochen später zu sterben.

Hannah Höch machte emotional schwere Zeiten durch, bezog ein winziges Häuschen im Nordwesten von Berlin und lebte dort vierzig Jahre, als Künstlerin fast vergessen, bis zu ihrem Tod 1978. Und der in Wien geborene Raoul Hausmann, der muskulöse Kunstarbeiter mit dem Eisenbeißergesicht und dem Monokel, floh 1933 aus Nazi-Deutschland, überlebte den Zweiten Weltkrieg im französischen Limoges und erfuhr erst Jahre nach seinem Tod 1971 eine Wiederentdeckung und mehrere umfassende Würdigungen.

Wilde Lebensläufe allesamt. Typografisch ebenso wild ist der von Andreas Puff-Trojan zusammengestellte, zweifarbig gedruckte Almanach des Manesse Verlags, der das als gebundene Ausgabe neu aufgelegte, solide und umfangreiche Dada-Lesebuch von Karl Riha und Jürgen Schäfer gut ergänzt. Eine der Dada-Parolen darin lautet: "Es gibt nichts zu tun. Sie können auf mich zählen. Ich pack es an."

Beider Lektüre zeigen: Dada hat tief in die Kunst des 20. Jahrhunderts gewirkt. Es ist kein Zufall, dass die Avantgarde-Bewegungen seit den Sechziger und Siebziger Jahren, die sich gegen das "Establishment" und den Mainstream wandten, von Happening über Fluxus, Performance-Kunst, Punkmusik bis zu Rap, sich heftig bei Dada bedienten. Alle sind tiefenhistorisch von Dada imprägniert.

Satire, Bluff, Ironie

Dada siegt also noch immer - dabei brachte Richard Huelsenbeck das Manifest "Dada siegt!" bereits 1920 heraus. Darin stellte er Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Kunst, die fünf Jahrzehnte später, unter gänzlich anderen Vorzeichen, in der Studentenrevolte und im Protest gegen eine "seelenlose Konsumgesellschaft" wiederum heftig diskutiert wurden.

Huelsenbeck schrieb damals, es sei zum "erstenmal aus der Frage: Was ist die deutsche Kultur? (Antwort: Dreck) die Konsequenz gezogen worden (. . .), nun mit allen Mitteln der Satire, des Bluffs, der Ironie, am Ende aber auch mit Gewalt gegen diese Kultur vorzugehen. Und zwar in gemeinsamer großer Aktion".

Greil Marcus, der kundige US-amerikanische Geschichtsschreiber der populären Musik und kulturellen Avantgarden des 20. Jahrhunderts, bilanziert: "Dada war die Vorstellung, dass sich in dem künstlich hergestellten Ambiente eines von der Zeit abgekapselten Raumes - in diesem Fall eines Nachtclubs - einfach alles negieren ließ. Es war die Vorstellung, dass dort einfach alles möglich war, was schließlich bedeutete, dass in der gesamten Welt, nach ihrer künstlerischen Umwandlung, ebenfalls alles möglich war."