Sofern der unendliche Kosmos nicht sowieso schon immer da war, könne er nur von einer unendlich großen Gottheit erschaffen worden sein - betont Bruno. Diesen Gott in drei Teile zu teilen, erscheint ihm absurd. Bruno leugnet die Dreifaltigkeit und damit auch die Göttlichkeit Jesu. Er sägt am Fundament des Christentums - und das als ehemaliger Dominikaner! Die Inquisition verurteilt ihn im Februar 1600 zum Tode.

Die Vorstellungen Brunos wirken auf manche Theologen vielleicht wie ein Menetekel: So weit kommt es also, wenn Philosophen die kopernikanischen Gedanken weiter und weiter spinnen!

Die Kosmologie des Kopernikus bleibt zunächst völlig unbeweisbar. Nur wenige Gelehrte nehmen sie ernst. Doch im Frühjahr 1610 beschreibt der italienische Mathematiker Galileo Galilei erstmals den Himmelsanblick im Fernrohr. Seine Beobachtungen schwächen die Einwände, die Naturphilosophen bisher gegen Kopernikus ins Treffen geführt haben. Keine einzige Beobachtung taugt aber als wirklich unumstößlicher Beweis für die Richtigkeit seiner Lehre.

Mittlerweile ist Galilei zum Hofphilosophen der Medici in Florenz aufgestiegen. Er tritt laut und selbstsicher auf - so, als hätte er den Beweis längst in der Tasche. Immer mehr Gelehrte schließen sich ihm an. Das sonnenzentrierte Weltbild gewinnt an Plausibilität. Erst jetzt setzen sich katholische Theologen wirklich damit auseinander. Sie bemühen dabei die gleichen Bibelstellen wie seinerzeit Luther.

Galileis Verteidigung

Im Psalm 19 frohlockt die Sonne wie ein Held "und läuft ihre Bahn". Im Psalm 104 ist die Erde "auf Pfeilern gegründet". Also steht laut Bibel die Erde still, während sich die Sonne bewegt. Bei Kopernikus ist es umgekehrt. Besonders schwer wiegt das Buch Josua, das zunächst von der Eroberung Kanaans durch die Israeliten erzählt. Im 10. Kapitel geht es um die Schlacht mit den Amoritern. Militärisch im Vorteil, will Josua das Gemetzel an ihnen nicht enden lassen und das Tageslicht daher verlängert wissen. So kommt es auch: "Und die Sonne blieb stehen und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte".

Die Schlussfolgerung der Theologen: Da Gott damals kurzzeitig die Sonne angehalten hat, muss sich diese normalerweise bewegen; also lehre die Heilige Schrift auch hier die Bewegung der Sonne, und nicht die der Erde. Galilei propagiere die gegenteilige Wahrheit - und schade so dem Glauben.

Mit diesem Vorwurf wendet man sich 1613 an Galileis Dienstgeber, die Medici. Der Hofphilosoph will sich verteidigen und wird aufs für ihn dünne Eis der Theologie gelockt. Sie gilt nach damaligem Verständnis als Königin aller Wissenschaften. In einem Brief bemüht sich Galilei, den Widerspruch aufzulösen: Zahlreiche Sätze der Heiligen Schrift seien so abgefasst worden, dass sie dem "Unvermögen der Menge" Rechnung trügen. Hätte man alles "in nackter und unverhüllter Wahrheit ausgesprochen", wäre das gemeine Volk nur widerspenstiger gegen die Heilslehre geworden. Deshalb müssten weise Ausleger den wahren Sinngehalt solcher Stellen erklären, betont Galilei.

Das alleinige Ziel der Schrift sei es, das Volk von jenen Lehren zu überzeugen, die unerlässlich fürs Seelenheil wären. Um die Natur zu ergründen, hätte Gott uns hingegen Sinne, Urteilskraft und Verstand geschenkt. Dem menschlichen Forschergeist dürfe man nicht mit Bibelzitaten Schranken setzen. In Disputationen über die Natur wäre der Heiligen Schrift "der letzte Platz vorbehalten". Sie sei ja, so Galilei sinngemäß, kein Naturkundelehrbuch.

Galilei nimmt sich das Recht, Bibelstellen zu interpretieren. Er greift damit ganz entschieden in die Domäne der Theologen ein. Nach den Reformatoren übt sich nun also auch schon ein Philosoph und ehemaliger Mathematiker in dieser Kunst!

Bereits 1612 hat sich der Florentiner Niccolò Lorini öffentlich über "Ipernico oder wie er heißen möge" geärgert. Im Dezember 1614 hetzt dann sein Ordensbruder Tommaso Caccini, ebenfalls von der Kanzel aus, gegen die "teuflische Kunst" der Mathematik und gegen die häretischen Mathematiker. Er liest am 4. Adventsonntag wohl nicht zufällig gerade aus dem 10. Kapitel des Buchs Josua. Die wörtliche Interpreta
tion des Textes wird im Anschluss von "einigen unverschämten Geistern" kritisiert: Es sind Schüler Galileis.

Das bittere Dekret

Nun überschlagen sich die Ereignisse. Die beiden Dominikaner Lorini und Caccini zeigen Galilei Anfang 1615 bei der Inquisition an. Dieser besucht in Rom derweil Aristokraten, Prälaten und Kardinäle. Der toskanische Gesandte zeigt sich besorgt: Dies sei nicht das richtige Land, um "über den Mond" zu diskutieren, schreibt er. Galilei agiere viel zu temperamentvoll, obwohl ihm einige Dominikaner doch übel gesinnt seien.

Ein Zeitzeuge hält fest, wie Galilei auftritt. Demnach hielte er "erstaunliche Reden" - umringt von 15 bis 20 Zuhörern, die ihm "grausam zu Leibe" gingen. Zunächst bekräftige Galilei deren Einwände mit scheinbar gewichtigen Argumenten; doch dann zerpflücke er genau diese wieder, um seine Gegner besonders lächerlich dastehen zu lassen. Unterstützung erfährt Galilei aus Kalabrien. Der Theologe Paulo Antonio Foscarini verfasst 1615 ein Büchlein, das keinen Widerspruch zwischen dem kopernikanischen Weltbild und der Bibel sieht. Auch dieser theologischen Schrift wegen fühlt sich Rom nun zum Handeln gedrängt.