Die Nachricht war für viele ein Schock: In den nächsten zwanzig Jahren, rechnete die Bank of America vor, wird in den USA fast die Hälfte aller Arbeitsplätze durch den Einsatz von Robotern verloren gehen. Europa erwartet zeitverzögert eine ähnliche Entwicklung. Und was nicht minder verstört: die Roboter, die die Menschen ersetzen, werden selbst immer menschenähnlicher. Hiroshi Ishiguro, der japanische Superstar in der Roboterforschung, lässt schon heute manche seiner Vorträge von einem Androiden halten, der ihm so täuschend ähnlich sieht, dass die Zuhörer den Unterschied oft gar nicht bemerken: zu echt wirkt die Silikonhaut mit den darunter liegenden druckluftgetriebenen Muskeln, zu menschlich ist die Mimik.

Im VW-Werk in Salzgitter arbeiten seit drei Jahren Menschen und Roboter Hand in Hand am Fließband. Der Kollege aus Blech übernimmt dabei Arbeiten und Bewegungen, die für ein humanes Wesen ergonomisch ungünstig oder gar unmöglich sind. Und er ist mit genug Sensoren bestückt, um seinen menschlichen Partnern nicht in die Quere zu kommen oder sie gar zu verletzen. Tonnenschwere Roboter, die hinter Gittern werken, um im Steuerungsnotfall kein Blutbad anzurichten - das war einmal.

Selbst Ideen, die vor wenigen Jahren als eindeutig utopisch galten, werden in atemberaubender Geschwindigkeit zur Realität, zum Beispiel Roboter als Kranken- und Altenpfleger, wie sie gerade in Japan getestet werden.

Frankensteins Fluch

Während jedoch die einen die Vorzüge preisen, die von einer Verschmelzung von menschlicher und künstlicher Intelligenz ermöglicht werden, warnen andere davor, dass der Homo Sapiens gerade dabei ist, sich selbst überflüssig zu machen. Ausgerechnet Stephen Hawking formulierte 2014 diese Befürchtung in einem Gastbeitrag für den britischen "Independent". "Die Erfolge bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz werden das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit sein. Unglücklicherweise könnten sie aber auch das letzte sein, wenn wir nicht lernen, mit den damit verbundenen Gefahren umzugehen", schrieb er. Ein Menetekel, das man gerne als Zeichen des neuen Jahrtausends interpretieren würde.

Doch in Wirklichkeit ist die Mischung aus Angst und Faszina-
tion angesichts von Automaten, die keine Menschen sind, aber wie Menschen handeln, nahezu so alt wie die Menschheit selbst. Und in Mythen, Kunst, vor allem aber in Film und Literatur reichlich dokumentiert. Frankensteins Monster befindet sich also in guter Gesellschaft.

Als Mary Shelley 1818 den Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" veröffentlicht, der zur Vorlage für unzählige Folgetexte und später auch Verfilmungen wird, kann sie jedenfalls auf eine jahrhundertelange Erzähltradition zurückblicken, die im Wesentlichen die immer gleiche Frage umkreist: Was passiert, wenn der Mensch ein Wesen nach seinem Ebenbild schafft?

Schon Mu, der fünfte König der chinesischen Zhou-Dynastie, soll sich mit ihr auseinandergesetzt haben. Das erzählt jedenfalls das taoistische Traktat "Das wahre Buch vom quellenden Urgrund" vom Meister Liezi, auch als Liä Dsi bekannt. In fünften Buch erzählt Liezi in der Geschichte "Der Automat", wie der König auf eine menschenähnliche Figur trifft, die sich ganz nach Menschenart bewegt und obendrein auch hervorragend singen kann. Kritisch wird die Begegnung allerdings, als die Figur dann auch den anwesenden Sklavinnen den Hof macht. Das Ende der Geschichte könnte auch in einem Science-Fiction-Text von heute stehen: Notschlachtung durch den zuständigen Ingenieur und nachfolgender neuerlicher Zusammenbau.

Verlockende Konkurrenz

Das Motiv der - auch sexuellen - Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine erweist sich in den späteren Jahrhunderten als auffallend verlockend. Für die Populärkultur sowieso, aber auch für die Literatur der Romantik, wo etwa in E.T. A. Hoffmanns "Sandmann" die menschliche und überaus vernünftige Clara um die Gunst ihres geliebten Nathanael ausgerechnet mit einer Automaten-Puppe aus Holz wetteifern muss - und das Werben dann auch noch verliert.

Je näher die Moderne heranrückt, desto realer wird für die meisten Autoren die Existenz von Robotern. Für viele zeitgenössische Science-Fiction-Autoren schiebt sich damit auch die Frage in den Vordergrund, was die Fähigkeit, Roboter schaffen zu können, für das Selbstverständnis des Menschen bedeutet: Wird er dadurch gottgleich? Schafft er sich einen jüngeren, schutzbedürftigen Bruder? Trifft zu, was der japanische Robotikpionier Makoto Nishimura schon 1928 formuliert hat: "Wenn Menschen die Kinder der Natur sind, dann sind künstliche Menschen, die von Menschen geschaffen werden, die Enkel der Natur." ?

Oder wird der roboterbauende Mensch zum Sünder, weil er sich anmaßt zu tun, was alleine dem Schöpfer zusteht? Und vor allem: Wer kann garantieren, dass seine Roboter-Kreationen nicht ein völlig unkontrollierbares, zerstörerisches Eigenleben entwickeln? In der Literatur tun sie das jedenfalls sehr oft. Zumindest in jener, die aus dem jüdisch-christlichen Kulturkreis kommt. Denn in asiatischen Ländern sei die Angst vor dem entgleisten Automaten deutlich schwächer ausgeprägt, schreiben Ulrike Barthelmeß und Ulrich Fuhrbach in ihrem Buch "IRobot - uMan".