Vor der EM, danach sowieso, melden sich die Experten zu Wort, was auch für eine Klientel gilt, die schon von Haus aus alles besser weiß: die Intellektuellen. Wir wissen, dass sich schon Kafka für Fußball interessierte, auch Sartre und Camus, wir sind darüber informiert, dass der Philosoph Heidegger den Fußballspieler Franz Beckenbauer bewunderte, weshalb er auch bei einer anstehenden Länderspiel-Übertragung bereitwillig Sein und Zeit vergaß und sich zu seinem Nachbarn begab, der, im Gegensatz zu den Heideggers, einen Fernseher besaß.

"Fußball ist Unsinn"

Allerdings sollte man nicht verschweigen, dass es unter den Intellektuellen auch erklärte Fußball-Gegner gibt. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann etwa prägte den Terminus von der "Literaturunfähigkeit des runden Leders", der Medienwissenschafter Jochen Hörisch schrieb "Fußball ist Unsinn. Unsinn, für den grotesk viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit verschwendet wird". Und Martin Walser setzte noch eins drauf, er notierte: "Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball."

Anders als der gewöhnliche Fan, der sich vom Fußball nur möglichst gut unterhalten lassen will, möchte ihn der Intellektuelle hinterfragen. Die Folge ist, dass von fußballkritischer Unterversorgung keine Rede sein kann, im Gegenteil. Schon vor zehn Jahren, als die Deutschen daran gingen, das sogenannte Sommermärchen zu begehen, an dem, aus heutiger Sicht, wohl einiges nicht ganz geheuer war, schrieb die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung": "Alles, ausnahmslos alles wird im Augenblick für diese Fußball-Weltmeisterschaft zugerichtet, die gesamte Sphäre formerly known as öffentlicher Raum; es gibt praktisch kein Draußen mehr . . . Und die Intellektuellen sind wieder mal schlimm verstrickt und schreiben Milliarden von irrsinnig elaborierten Fußballbüchern, die kein Mensch braucht, weil man entweder Fußball schaut oder lieber liest, und dann ist das eine Entscheidung gegen den Fußball."

Unnötige Bücher

Dieser Einsicht wird sogar aus den eigenen Reihen zugestimmt. Der Schriftsteller Jürgen Roth, einer der führenden deutschen Fußball-Autoren, sagte in einem Interview: "Ich bin ja nicht ganz unbeteiligt an dieser tsunamiartigen Welle und darf mir daher auch das Urteil herausnehmen, dass sicherlich über 95 Prozent all dieser Bücher nur zu sagen ist: Und dafür mussten Bäume sterben!" Gemessen an der Strahlkraft, die der Fußball für sich reklamiert, kommt er allerdings bemerkenswert unattraktiv daher. In "Gott ist rund", einem der besten Fußballbücher, schreibt Dirk Schümer:

"Für Freunde formvollendeter Leibesübungen ist der Fußball ästhetisch unerträglich . . . Statt Annäherungen des menschlichen Körpers an abstrakte Maximen der Schönheit bekommt der Zuschauer beim Fußball nichts als Grobmechanik geboten. Wollte man einen grätschenden Verteidiger mit O-Beinen und verschlammtem Trikot fragen, was der Goldene Schnitt sei, so würde der arme Kerl gewiss an sein Jahresgehalt denken - und nicht daran, dass aller Sport bei den alten Griechen einst als Götterdienst galt, als Feierstunde der Schönheit in einer hässlichen Welt."

Durchschnittsgestalten

Einen Schönheitspreis kann man mit dem Fußball nicht gewinnen, und auch seine Akteure werden, für sich betrachtet, nur negativ auffällig. Schümer: "Schon die Körper der Spieler sind gewöhnlich nicht geeignet, bei all denen erotische Schauer auszulösen, die sonst für Männerschönheit empfänglich sind. Die einzigen durchtrainierten Muskelpartien bilden nicht Brust, Gesäß oder Bauch, sondern Waden und Oberschenkel, die - überproportional und von der Schussbewegung gekrümmt - den Träger häufig zu einem Watschelgang verurteilen. (. . .) Zu allem Unglück werden diese Durchschnittsgestalten dann auch noch in unvorteilhafte Uniformen gesteckt. Mit Leibchen, kurzer Hose und Kniestrümpfen erinnert selbst ein Modellathlet fatal an einen Untertertianer bei den Bundesjugendspielen. In bunter, nummerierter Unterwäsche stellt sich der Fußballer, nur schwer von seinen Kameraden unterscheidbar, mit ihnen in einer Reihe auf und singt mit kläglicher Stimme seine Hymne. Dann rennt er auf dem gefahrlos ebenen Rasen hin und her und auf und ab. Zuweilen bekommt er mal einen Ball, vor den er treten darf. Der Fußballer ist der Sportler von der traurigen Gestalt."

Die Sportler von der traurigen Gestalt haben sich indes, keiner weiß, warum, unverzichtbar gemacht. Dies gilt, mehr noch als für die Fans, für die Medien, die den Fußball als werbewirksames Publikumsspektakel entdeckt haben und meinen, ihn pausenlos bedienen zu müssen. Das erzeugt Überdruss und Abnutzungserscheinungen.

Die Argumente gegen den Fußball sind stichhaltig, man kann sie kaum widerlegen. Dennoch erliegt auch der aufgeklärte Intellektuelle seiner Faszination, die sich bisher allen Deutungsversuchen entzogen hat.

Ideal der Moderne

Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer hat sich mit diesem Thema beschäftigt. Er sinnt der "Poesie des Fußballs" nach - so auch der Titel seines Buches - und kommt dabei zu bedenkenswerten Ergebnissen. Gebauer sieht den Fußball als Spiegel unserer Kultur, in dem, oft auch als Zerrbild, Macht und Ohnmacht, Gewinn und Verlust, Zufall und Gewalt vorgeführt werden. Die Identifikationsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind beträchtlich: "Die Spieler dürfen gegenüber dem Ball keinen Stolz haben, sondern müssen ihn hinnehmen wie ein Schicksal. Dennoch ist er nicht übermächtig: Es gibt herausragende Spieler, die ihn bezwingen können. Dies ist ein Ideal der Moderne: Alles wird zwischen den Menschen entschieden; man kann das Schicksal meistern."