Drei nackte Schafe drehten sich auf einem riesigen Grill. Offenbar gab es hier Essen, und wir hatten Hunger. Das Restaurant lag oben auf einem Berg in Südalbanien und war leer. Der Kellner hatte trotzdem keine Zeit für uns. Er war hastig damit beschäftigt, auf einem großen Tisch Teller und Besteck aufzutragen. Nach und nach nahmen sieben Männer und eine Frau an der Tafel Platz. Salate wurden aufgetischt, Vorspeisen und Bier. Und dann legten sie los. Ein urkehliger Breitbandbrumm breitete sich im Restaurant aus in Frequenzen, die unsere zufällig anwesenden Körper in Eigenschwingungen versetzten. Einer der Männer stimmte einen Singsang an, den die anderen mit Schallwellen aus gurgelnden Lauten und einem heftigen Grundbass stützten.

"Traditionelle Musik", erläuterte uns der Kellner. Mutmaßlich polyphoner Gesang, vermutete später ein Kenner: eine albanische Spezialität. Für uns gebannt lauschende Laien, die wir die Töne mindestens so sehr spürten wie hörten, fühlte es sich wie ein akustischer Appetizer direkt aus der Steinzeit an, eine Schallwellen-Massage, die an der Magengrube ansetzte. Zwischendurch ließen sich die Sänger ein Schaf schmecken. Für Vegetarier wäre es ein stressiger Tag gewesen, kulinarisch ist der Balkan ein Paradies für Karnivoren. Der Kellner empfahl auch uns den Grillteller. Die Schafe stammten, wie fast alle Grundnahrungsmittel in Albanien, aus der Gegend. Sie kamen frisch vom Berg, schmeckten austrainiert und im Abgang irgendwie nach Kräuterwiese.

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Langsam reisen

Langsame Reisen haben ein paar Vorteile, die einem auf Pauschalreisen entgehen. Der britische Autor Dan Kieran hat ein Buch darüber geschrieben, "Slow Travel". Es folgt der Tendenz, die Eile zu verachten und die Weile zu loben. Das wirkt auf Leute, die sich nur einen hastigen Urlaub leisten können, vermutlich ein wenig herablassend. Kieran schreibt aber nicht von oben herab wie so mancher Snob des Müßiggangs. Er bemüht sich redlich, dem Leser das Eigentümliche der langsamen Reiseerfahrung schmackhaft zu machen. Und seine Reisen sind bisweilen wirklich sehr langsam: Einmal begab er sich mit einem Elektro-Milchwagen auf Campingreise und wurde dabei bergauf von einer Hummel überholt. Die Chance, so etwas zu bemerken, ist einfach größer, wenn man müßig reist. Was uns zurück auf den Balkan bringt. Die Reisekataloge schwellen an mit angenehmen, vielfältigen und verlockenden Angeboten für schnelle Urlaube. Aber es gibt in Europa kaum eine Gegend, die so fein gespickt ist mit Nuancen, die sich im Schneckentempo eines "Slow Travel" besonders schön - und manchmal freilich auch besonders unschön - der Aufmerksamkeit empfehlen.

Das Trauma der Belagerung ist in Sarajevos Kunstszene präsent. - © Zauner
Das Trauma der Belagerung ist in Sarajevos Kunstszene präsent. - © Zauner

Es beginnt schon damit, dass man sich auf dem Weg vom Norden in den Süden auf eine touristische Zeitreise begibt. In der slowenischen Hauptstadt Ljubljana parliert der Concierge viersprachig, da ist man schnell miteinander fertig. In albanischen Badeorten reden Touristen und Einheimische eher mit den Händen und den Herzen, da dauert es ein wenig, ehe man sich einig ist. Im Norden öffnet eine Chipkarte die Tür zum Zimmer, während es unten im Süden ein einfacher Bartschlüssel auch tut. In der EU darf man darauf vertrauen, dass das Licht angeht, wenn man auf den Schalter drückt. In Albanien sitzt man manchmal in stromlosem Kerzenschein. Da ist es besser, es nicht eilig zu haben, und erstaunlich oft führt die Malaise dazu, dass sich, wie in touristischen Urzeiten, einander unbekannte Touristen zusammensetzen und bei einer Flasche Wein auf die Segnungen der Zivilisation vergessen.

In Zemun, einem Vorort von Belgrad, hörte einst das habsburgische Österreich auf. - © Zauner
In Zemun, einem Vorort von Belgrad, hörte einst das habsburgische Österreich auf. - © Zauner

Wohlfühlzone Ljubljana

Unsere Reise führt durch den Westbalkan. Von Ljubljana geht es über Zagreb, Belgrad und Sarajevo nach Montenegro und Albanien. In der urbanen Wohlfühlzone Ljubljana ist alles klein, schön und adrett. Es gibt nichts, was den Puls unangemessen in die Höhe treibt - außer man hat ein Faible für Architekturjuwelen. Die Stadt, wie sie ist, gäbe es nicht ohne Jože Plečnik, der Ljubljana so tief und eingehend geprägt hat wie der Baron Haussmann Paris. Man trifft ständig auf ihn: "Plečnik hier, Plečnik da", resümiert der Reiseführer "Ljubljana" das Sammelsurium an Bauten, Einflüssen und Ideen, für die der berühmte Architekt stand. Er wollte aus Ljubljana ein neues Athen machen. Tatsächlich ist die slowenische Hauptstadt zu einem Gesamtkunstwerk geraten, einem leicht begehbaren noch dazu. Die Sehenswürdigkeiten der entspannten Mini-Metropole liegen dicht beisammen, die einzige größere Herausforderung an Beine und Puls stellt der Aufstieg auf den Burgberg dar, dessen Anlage gleich wieder beruhigt. Sie ist so gepflegt, wie man es von einer Stadt mit dem EU-Gütesiegel "European Green Capital 2016" erwarten kann. Gefährliche Gewohnheiten, wie etwa das spontane Aufhängen von Schuhen auf Stromleitungen, hat die Stadtverwaltung in Randlagen verbannt. Wenn man von den politischen Gegensätzen hört, die selbstredend auch Slowenien prägen, dann passen sie einfach nicht in dieses aufgeräumte Stadtbild. In solchen optischen Täuschungen lebt er noch, der Mythos der EU: Schließt man von den gepflegten Kulissen auf die Bewohner, dann sollte die Union nur aus zufriedenen Bürgern bestehen.

Fjorde, Buchten und hohe Berge machen Montenegros Küste besonders abwechslungsreich. - © Zauner
Fjorde, Buchten und hohe Berge machen Montenegros Küste besonders abwechslungsreich. - © Zauner