Zagrebs Stadtgesicht zeigt schon deutlich mehr Sorgenfalten. Es ist zwar alles da, was man von städtischen Kernzonen im geeinten Europa erwarten kann: perfekt sanierte Baudenkmäler, Vergnügungs- und Fressmeilen, aufgeräumte Parks, schöne Museen. Just in den besten Lagen der Innenstadt bröckeln indes die Fassaden bis hin zur Baufälligkeit. Zu erwarten wäre, dass hier die Bauspekulation tobt, dass jeder verkommene Altbau sofort hochsaniert und mit einem Dachausbau gekrönt wird.

Dass es nicht oder nur langsam dazu kommt, ist eine Nachwirkung des Kommunismus. Die Volksrepublik Jugoslawien enteignete einst die Hausherren. Ihre Erben sind bisweilen nicht nur zahlreich, sondern leben manchmal auch noch auf verschiedenen Kontinenten. Solche undurchsichtigen Besitzverhältnisse plagen den gesamten Westbalkan. Sie lösen Prozesslawinen aus, das mögen Investoren nicht. Deshalb darf die Zagreber City weiter pittoresk bleiben, sagt der Wiener Journalist Uwe Mauch, der teils in Zagreb lebt. Er wähnt die kroatische Hauptstadt in einem touristischen Dornröschenschlaf und hält sie für eine der raren europäischen Destinationen, die selbst reiselustigen Städtebummlern bisher entgangen sind. Touristisch herrscht die Ruhe vor dem Sturm: Noch kann man in Zagreb "zu relativ moderaten Preisen ein Hotelzimmer mieten, ein Museum besuchen, einen Kaffee trinken oder in einem Restaurant speisen", schildert Mauch in seinem Reiseführer "Zagreb".

Das Tina Turner-Denkmal im albanischen Durres. - © Zauner
Das Tina Turner-Denkmal im albanischen Durres. - © Zauner

Dan Kieran, der langsame Reisende, mag an Reiseführern nicht, dass ihnen die Tendenz innewohnt, die Reisefreiheit zu beschränken. Sie sind voller Listen, in die ganz selbstverständlich die Zumutung des Abhakens eingelassen ist. Es mangelt ihnen an subjektiven Eindrücken, an Geschichten, an Lust. Dem Reiseführer "Zagreb" kann man diesen Vorwurf nicht machen: Mauch hat ihn mit persönlichen Noten angereichert, er verhehlt weder seine Begeisterung noch seine Skepsis. Er lobt die Leichtigkeit und Eleganz der Zagreber, ihre Nähe zum mediterranen Lebensstil. Es darf aber auch für Touristen Probleme in diesem "etwas zu groß geratenen Graz" geben: Der Autor nennt Misswirtschaft, dreiste Lokalpolitiker, Wirtschaftskrise. Und erwähnt die Jungen, die sich davon befreien wollen.

Jung und interessant

Wir treffen auf sie während der gesamten Reise: gebildete, entspannte, mehrsprachige junge Erwachsene, die keineswegs naiv den Brüsseler Spitzen ihre vorgebliche Sorge um’s Gemeinwohl abnehmen. Die jungen Pragmatiker aller Länder sehen in einem transnationalen Europa einfach größere Chancen als in dem vom Philosophen Karl Popper so hübsch apostrophierten "verlorenen Gruppengeist des Stammes", den all die schrillen Freunde geschlossener Gesellschaften zwischen Wien und Sarajevo anbeten.

Es gibt junge Kroaten, die nicht mehr das Heulen restjugoslawischer Kampfjets in den Ohren haben, sondern serbischen Turbo-Folk. Es fanden sich schon junge Bosnier zum gemeinsamen Protest, die für einmal keine Moslems, Serben oder Kroaten sein wollten, sondern Bosnier. Und wir trafen junge Serben, die hinter vorgehaltener Hand den Kosovo Kosovo sein lassen würden, wenn sie dafür Zutritt zur EU bekämen. Es sind Minderheiten, die man freilich nicht als solche wahrnimmt, weil für sie die Welt trotz aller Widrigkeiten mehr Nichtkrise als Krise ist.

Wir mögen auch auf Anhieb die jungen Leute, die in Belgrad auf dem Trg Republike auf Kunden für ihre "Free Walking Tours" warten. Humor, Bildung und Eloquenz ist die Geschäftsgrundlage, auf der sie zufällig zusammengewürfelten Grüppchen Belgrad zeigen. Sie führen auch in die Unter- und Abgründe der Stadt, danach versteht man die serbische Seele besser.

Wer heute in Serbien Mitte Dreißig ist, hat schon einiges hinter sich: Zum Beispiel die Hyperinflation Anfang der Neunziger Jahre, als Geldscheine in Milliardenwerten ausgegeben wurden. Die Währung verfiel während der bodenlosen Depression im Stundentakt. Ohne den Wohnsitz zu wechseln, waren diese jungen Menschen bereits Staatsbürger mehrerer Länder. Geboren in der Volksrepublik Jugoslawien, übergeführt in die Jugoslawische Föderation, die dann zum Staat Serbien-Montenegro schrumpfte. Am Ende blieb dann nur noch Serbien, ohne Kosovo. Und der ganze nationalistische Scherbenhaufen, der in den Ruinen des NATO-Bombardements seinen bleibenden, von vielen Serben bis heute unverstandenen Ausdruck fand.

Schön und hässlich

Die Stadt wurde in ihrer Geschichte 44 Mal von Bomben, Granaten und Feuern ausradiert, aber ebenso oft hastig wieder aufgebaut. Wer mit einem der zahlreichen Busse fährt, sieht es im Zeitraffer: Schönheit und Hässlichkeit stehen einander nahe, wechseln sich im Belgrader Stadtbild blitzschnell ab. Wir schaffen es nicht, das Gewirr der Buslinien richtig aufzudröseln, und landen ungewollt an einer Endstation am Stadtrand. Auf dem Fußweg zurück schleust uns Google Maps durch eine ärmliche, slumartige Siedlung. Misstrauisch beäugen uns deren Bewohner, die offensichtlich weder auf regelmäßige Müllabfuhr noch auf Straßensanierung zählen können. In Belgrad begegnet man der Armut unerwartet, weiter südlich ist sie nicht zu übersehen. Im albanischen Durres wird uns ein mageres, barfüßiges Roma-Mädchen um die Nachspeise auf unseren Tellern anbetteln und sie hungrig verschlingen.

Hinter der Arme-Leute-Siedlung beginnt einer der vielen großen Wohnkomplexe Belgrads. Sie wurden in einem Baustil errichtet, der zurecht unter dem Namen "Sowjet-Brutalist" firmiert. Fotokünstler haben sich dennoch bemüht, die verborgene Schönheit der Bausünden freizulegen. Und tatsächlich, in einem gewissen Licht, in der richtigen Perspektive entdeckt man, dass in diesen Bauten auch Hoffnung, Aufbruchstimmung und Kraft stecken.