Gute Ideen, viele Lokale und ein krachendes Nachtleben: Es gibt also noch eine Stadt, die mit B beginnt und arm, aber sexy ist. Und Belgrad hat, verglichen mit Berlin, das bessere Wetter. Das bemerkt zunehmend auch der Rest der Welt. Das "Silikon Valley", ein Straßenzug, in dem sich betuchte Damen und wohl auch Herren auf der Höhe der Zeit bei einem der zahlreichen Schönheitschirurgen verschönern lassen können, ist nicht nur in Serbien ein Begriff. Zunehmend fliegen auch Ausländer zur physischen Runderneuerung nach Belgrad. In den Sommermonaten legen die Zahnärzte Extraschichten ein, um Gebisse aus aller Welt zu sanieren.

Auf nach Sarajevo. In der Abflughalle vom Nikola-Tesla-Flughafen sitzen wir unter Leuten, die wir ob ihrer Lektüre und ihrer Telefonate für Bosnier halten. Vor dem Abflug kontrolliert ein Bediensteter der Air Serbia die Pässe. Die mutmaßlichen Bosnier entpuppen sich als Kanadier, Neuseeländer, Australier, auch ein Südafrikaner war dabei. Am Flughafen Sarajevo werden sie sogleich von Zöllnern aufgehalten. Die bosnische Diaspora öffnet riesige Koffer, aus denen Mitbringsel quellen.

Raucher atmen auf

Bei jeder Grenze hört etwas auf. Die Schengen-Grenze ist auch die 50-Cent-Grenze, sie markiert das Ende der Toilettengebühr. In Kroatien darf man seine Notdurft kostenlos verrichten. Eine Grenze weiter atmen die Raucher auf, denn der strenge EU-Nichtraucherschutz gilt nicht mehr und sie können ihrem Laster deutlich bequemer frönen.

Die Getränkebegleitung auf den Mittagstischen zeigt überdies, dass es die Mineralwasserkultur noch nicht in den Süden geschafft hat. In einem albanischen Kaffeehaus, in dem außer uns nur Einheimische saßen, servierte uns der Patron in der Früh Espresso mit einem Glas Wasser, das uns einen tiefen Schluck später unerwartet hochprozentig in den Kehlen brannte. Das Gesundheitsbewusstsein weiß, sobald es wieder zu sich kommt, dass die guten Gefühle, die dieses "albanische Frühstück" auslöst, falsch sind. Es ist aber noch gar nicht so lange her, da tranken sich auch in unseren Breiten Werktätige in Branntweinstuben in aller Frühe die Tage schön. Die Anrufung der Alkoholdämonen ist mittlerweile verpönt, heute helfen die Pharmafirmen weiter und verweisen trocken auf schöne Bilanzen.

Am Flughafen Sarajevo endet auch das Nettopreis-System. Wir werden uns mit dem Taxifahrer aber schnell einig, er nimmt auch noch jemanden anderen mit. So kommen wir unvermutet in den Genuss einer Stadtrundfahrt. Oder vielmehr einer Stadt-Schleichfahrt. "Jeder Zweite ist hier arbeitslos, und jeder hat ein Auto", schimpft der Taxifahrer im Stau. Viele Fassaden sind noch mit Einschusslöchern übersät. In der zeitgenössischen Kunst, in den Ausstellungen der Museen begegnet einem immer noch der Schmerz und der Schock der traumatischen Belagerung. In einer abgedunkelten Galerie läuft eine Dokumentation, die das Massaker von Srebrenica bis ins letzte grauenhafte Detail dokumentiert.

Sarajevos Stadtbild wirkt melancholisch, die humorvoll-lässigen Städter tragen aber oft Sonne im Gesicht. Im alten Bazar läuft man uns mit einer Zehn-Euro-Note nach, die wir beim Kauf einer sagenhaft günstigen Marken-Sonnenbrille ausgestreut haben. In einem kleinen Geschäft erklärt uns die Inhaberin geduldig, wie und mit welchen Zutaten der wahre Liebhaber bosnischen Kaffees diese herbe lokale Spezialität zubereitet. Der Umgang mit dem Unbill des Alltags erfolgt in der Regel pragmatisch-effizient, wir müssen da erst noch dazu lernen. Wir wurden zwar davor gewarnt, dass es in unserem Stadtteil manchmal in der Nacht kein Wasser gibt. Aber wir wollten es nicht glauben. Nachdem wir in unserem Apartment hingebungsvoll die Schmutzwäsche mit cremigem Waschmittel aus der Tube überzogen hatten, saßen wir für Stunden auf dem Trockenen. Als das Wasser plötzlich wieder einschoss, explodierte der Anschlussschlauch der Waschmaschine. Knieend wie Wäschermädel drückten wir die Wäsche am Boden der Dusche durch. Natürlich nicht, ohne zu fluchen.

Die Bosnier pflegen einen eher gelassenen Umgang mit Infrastrukturproblemen. Weder Staat noch Wirtschaft gedeihen, während die Spitzenpolitiker der ethnisch ausgerichteten Parteien zu den reichen Leuten im Lande zählen. Um die Malaise zu verstehen, visualisiere man sich ein Österreich, in dem es alle Minister und Landesfürsten in dreifacher Besetzung gibt, und der Verwaltungsapparat verschlingt die Hälfte des Budgets. Dann bekommt man einen Eindruck von der quantitativen Größe des politischen Problems, aber noch nicht von der Schamlosigkeit seiner Protagonisten und der Ohnmacht ihrer Schutzbefohlenen.

Auf der Weltkarte der Korruption, jedes Jahr neu gezeichnet von Transparency International, reicht die Farbskala von Dottergelb (sauber) bis zu dunkler Schamröte (sehr korrupt). Von Österreich aus, das in einem mittleren Ockerton eingefärbt ist, gibt es nach Süden zu eine deutliche Rotverschiebung. Bosnien ist zinnoberrot, Albanien ebenfalls. Reisende begegnen der Korruption normalerweise nicht, sie brauchen weder Urkunden noch Bewilligungen. Einheimische kennen das inoffizielle Gebührensystem nur zu gut.

Held und Heldin

Auch Mostar ist eine geteilte Stadt geblieben. Die berühmte osmanische Brücke, von kroatischen Milizionären zerstört, wurde neu aufgebaut. Sie verbindet die Flussufer, aber nicht die Herzen. Die Aufstellung eines Denkmals war eine der raren bosnisch-kroatischen Gemeinschaftsinitiativen. Es blieb unbekannt, welche Kandidaten es noch auf die Shortlist schafften, am Ende goss man den Martial-Arts-Helden Bruce Lee in Bronze. Die Frauenquote bei Denkmälern ist weltweit extrem niedrig, der Westbalkan macht da keine Ausnahme. Der einzigen Reminiszenz ans Feminine begegneten wir in Durres. Dort steht eine metallene Tina Turner in einer ihrer knisternden Bühnenposen und schaut auf den Fährhafen.