Dan Kieran, unser Guru in Sachen langsames Reisen, verspricht lebendigere Begegnungen, wenn man unvorbereitet losreist. Er hat vollkommen recht: Wer in Montenegro Euros wechseln will, erntet Heiterkeit. Montenegro ist ein Euroland. Es trat der Eurozone einseitig bei, ohne groß zu fragen.

Wie es Montenegro sonst noch geht, sagt uns augenfälliger als jede Statistik der Straßenverkehr: Es gibt keine automobilistische Mittelschicht. In den Schwärmen billiger Kleinautos stechen immer wieder dicke Karossen der Marken Rolls Royce, Jaguar oder Ferrari ins Auge. Für die Bürger, die sie kutschieren, gilt selbstredend die Unschuldsvermutung. Aber die EU fällt einem ein, die von ihren jüngsten Beitrittskandidaten vermutlich nicht nur aus Willkür Fortschritte bei "Problemen im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität und Korruptionsbekämpfung" einmahnt.

Am Meer lässt sich indes nichts verbessern. Die montenegrinische Küste gemahnt mit ihren hohen Bergen, den Fjorden und Buchten an ein Salzkammergut, in dem sich ohne zu frösteln schwimmen lässt. Wir parken am Rande eines Pinienwalds und suchen einen Meereszugang, aber es findet sich keiner. Schroffe, steil abfallende Felsen versperren uns den Weg. Wir wollen schon aufgeben, da finden wir doch noch einen Badeplatz. Einen Nacktbadeplatz. Der kleine Schotterstrand liegt gut versteckt zwischen zwei Felsvorsprüngen. Er ist einigermaßen belegt, und zwar ausschließlich von Männern. Es wäre uns unhöflich vorgekommen, die Ruhe der Sommeridylle mit einer naheliegenden Recherche zu stören. Ein Blick auf den "Spartacus International Gay Guide" und einschlägige Berichte tut’s auch: "In Südosteuropa ist Homophobie oft noch Alltag." Montenegro liegt gemeinsam mit Albanien auf dem 61. Platz, Kroatien auf dem 49. Platz, ex aequo mit Bosnien. Bei Schwulenparaden kommt es regelmäßig zu Zwischenfällen mit gewaltbereiten Gegendemonstranten. Aber an diesem Tag, an diesem Strand ist das alles weit weg.

Albanische Freuden

Nichts los in Albanien, das war unser erster Eindruck gleich nach der Grenze. Die Straßen waren leer. Und Shkodra, der erste Halt auf dem Weg in den Süden, eine Geisterstadt. Der Straßenfeger war die Fußball-EM, Albanien spielte gerade gegen die Schweiz. Die Schweiz gewann, doch die Albaner, die dann plötzlich Straßen und Fußgängerzone bevölkerten, trugen es mit Fassung. Man fragt sich, wie Albanien zu seinem Ruf kommt. Die Menschen sind zuvorkommend und auf eine höfliche Art neugierig. Der hier praktizierte Islam ist tolerant. Es wird guter Wein gekeltert. Miniröcke sind keine Seltenheit.

Am Morgen wird in den Straßencafés nur Kaffee getrunken, mehr Frühstück wäre zu teuer. Viele Albaner haben keine Arbeit, und die, die eine haben, verdienen meist nicht viel. In den Wohnungen und Häusern sind abends nur wenige Fenster beleuchtet. Wer Strom spart, spart Geld. Ein Kellner erzählte uns, dass er im Monat umgerechnet 150 Euro bei freier Kost und Logis bekommt. Wir werden öfter gefragt, ob wir eine freie Stelle in Österreich wüssten. Geträumt wird von guten Jobs und soliden Geschäften. Nur einer wollte Theaterregisseur werden.

Aufbruchstimmung

Es herrscht Aufbruchstimmung, man glaubt an rettende Investoren und die helfende Hand der EU. Schon jetzt gibt es immer mehr Schneisen, die in die Zukunft weisen. In den Städten gedeihen Wohlstandszonen mit Geschäften und Restaurants. Die Hauptverkehrswege sind gut ausgebaut, gleichwohl man selbst auf Autobahnen immer auf Eselskarren, Radfahrer und Fußgänger achten muss. Es gibt viele Baustellen. Auch mit der Landwirtschaft ist immer zu rechnen. Auf manchen Abschnitten der Küstenstraße trifft man mehr Schafe als Autos. Einmal spazierten in einem Badeort drei Kühe die Uferpromenade entlang, als machten sie Ferien und nicht wir.

Die Strände entlang der albanischen Riviera kommen Karibikträumen ziemlich nahe. Die Speisekarten sind solide, überall wird frisch gekocht. Der Magen-Darm-Trakt des Touristen frohlockt ob der Absenz von Emulgatoren und Geschmacksverstärkern.

Wir verbringen ein paar Tage in einem malerischen Ökodorf in der Nähe von Queparo. Von den kleinen Veranden der Holzhütten aus, deren Warmwasser von Solaranlagen gewärmt wird, blickt man auf ein blaugrünes Meer und gleichzeitig auf einen düsteren, verfallenden Armeestützpunkt. Die Handvoll Urlauber, die davon angelockt wird, entstammt der Kreativbranche: ein Fernsehregisseur, eine Fotografin, ein IT-Experte, eine Psychologin. Alle freuen sich über dieses seltsame, gastfreundliche, frische Stück Europa.

Gegenüber der Touristensiedlung steht auf einer Halbinsel gut erhalten eine Festung. Ali Pascha ließ sie einst errichten, ein lokaler Statthalter, der eng mit Lord Byron befreundet war. Das erzählt uns ein Albaner namens Tetion, was übersetzt "Ionisches Meer" bedeutet. Im Kommunismus war es erwünscht, Kindern andere Namen zu geben als christliche oder islamische. Die Tradition ist immer noch lebendig, es gibt zum Beispiel Albaner, die Briegel gerufen werden. Sie sind eine lebende Hommage an den deutschen Abwehrrecken Hans-Peter Briegel, der die albanische Nationalmannschaft eine Zeitlang erfolgreich anleitete.

Fußball ist ein Freudenquell in Albanien. In Durres spielten sich herzzerreißende Szenen ab, nachdem die Rumänen bei der EM besiegt waren. Stundenlang wurden Autohupen malträtiert, Böller krachten, Schlachtenbummler grölten in den Straßen. Die halbe Stadt lief nach Mitternacht auf der Hafenpromenade zusammen. Mittendrin tanzten Roma-Familien mit ihren Trommeln. An diesem Abend waren sie wohlgelitten. Manchmal ist Fußball das beste, was es gibt.