Die komplett rückstandsfrei arbeitende Raffinerie auf dem Chemieareal in Leuna. - © May
Die komplett rückstandsfrei arbeitende Raffinerie auf dem Chemieareal in Leuna. - © May

Die Straßenbahn schaukelt durch eine friedliche Landschaft in Sachsen-Anhalt, von Halle an der Saale nach Süden. Masao Fukumoto, ein japanischer Journalist und Autor, kennt die Strecke: Gleich nach dem Mauerfall, zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1991, hat er für einen japanischen Anlagenbauer dessen Einkauf an Deutschlands größtem Chemiestandort betreut, in Leuna. Heuer wird Leuna 100 Jahre alt. Auch diesmal steigt Fukumoto an der Haltestelle Leuna-Haupttor aus. Er will sehen, was sich in den Jahren seither an seiner einstigen Arbeitsstätte verändert hat.



"Als ich zum ersten Mal in Leuna war, habe ich gedacht: Wow, wo bin ich? Das war einfach eine Industrieruine", erinnert sich Fukumoto. "Die Rohrbrücken waren verrostet, man spürte auf dem Gelände den Rost in den Augen. Nach einem Tag im Werk war das Auto mit Staub überzogen." Und auch der Sprecher des heutigen Chemiepark-Betreibers bestätigt: "Ostwind war Waschwind, Westwind zog vom Werk über die Stadt, da musste man die Wäsche hereinnehmen."

Silbrige Rohrbrücken

Hinter dem mächtigen schneeweißen Empfangsgebäude mit der weithin sichtbaren Aufschrift "Leuna-Werke" eröffnet sich eine völlig andere Welt als die soeben geschilderte: ein sauberes, weitläufiges Gelände mit Industriebauten, so weit das Auge reicht; dazwischen grüne Wiesen. Die mit Buchstaben und Zahlen bezeichneten Straßen werden von silbrig in der Sonne glänzenden Rohrbrücken ergänzt - ähnlich wie auf dem Linzer Voest-Gelände. 40 Kilometer Straßen, 20 Kilometer Rohrbrücken, 90 Kilometer Gleise. Mehr als 72.000 Waggons werden jährlich auf dem Leuna-Gelände bewegt. Die Methanol-Anlage ist voriges Jahr 30 Jahre alt geworden. Sie war die letzte große Investition der DDR am Standort und ist mit österreichischer Hilfe errichtet worden.

Nur ab und zu gerät einem ein süßlich-chemischer Geruch in die Nase. Vom alten Chemiekombinat Walter Ulbricht ist nicht mehr viel übrig. Masao Fukumotos Arbeitsplatz in einer Baracke gibt es auch nicht mehr. "Als ich vor sechs Jahren hier war, gab es noch nicht so viele Anlagen", sagt er. "Das Leuna-Gelände war relativ leer. Es hat sich viel entwickelt."

Doch der Reihe nach: Aufgrund des rasanten Bevölkerungsanstiegs im 19. Jahrhundert war es notwendig geworden, Düngemittel synthetisch herzustellen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein Verfahren entdeckt, um aus Luftstickstoff Ammoniak herzustellen. Im Ersten Weltkrieg diente dieses Verfahren auch zur Erzeugung von Munition und Sprengstoff. Deshalb ging 1917 das "Ammoniakwerk Merseburg" in Leuna in Betrieb - genügend weit weg, um nicht von französischen oder belgischen Kampfflugzeugen erreicht zu werden. Nach dem Krieg übernahm die BASF das Werk und produzierte Düngemittel.

Hier wurden auch Methanol und Benzin erstmals großtechnisch aus Kohle gewonnen. Hinzu kam ein Verfahren zur Herstellung von Caprolactam, dem Grundstoff von Perlon. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die zerstörten Leunawerke in der damaligen DDR als einer der größten Betriebe des Landes wieder aufgebaut und Teil des Chemiedreiecks Leuna-Buna-Bitterfeld. Die Erdölleitung Druschba brachte den nötigen Rohstoff aus Westsibirien über Schwedt ins nahe Böhlen und versorgte von dort nicht nur den Standort Leuna, sondern auch das benachbarte Chemiekombinat in Schkopau. 30.000 Menschen arbeiteten in den Leuna-Werken.

Chemiepark Leuna

Mit der Wende kam der große Umbruch. Tausende verloren ihren Arbeitsplatz. Sechs Milliarden Euro wurden am Standort investiert, alte Anlagen abgerissen, neue aufgebaut. Seit 20 Jahren betreibt InfraLeuna den Chemiepark Leuna, in dem heute mehr als 100 teilweise international tätige Firmen mit insgesamt 9000 Beschäftigten angesiedelt sind. Rechnet man alle Serviceeinrichtungen rundherum dazu, die früher Teil des Kombinats waren, kommt man wieder auf rund 30.000 Arbeitsplätze. Der Standortumsatz liegt bei zehn Milliarden Euro.

Auch die BASF ist wieder eingezogen. Das Unternehmen erzeugt hier Bau- und Formteile in allen Farben, von Hilti-Rot bis Bosch-Grün. Der französische Erdölkonzern Total hat eine neue Raffinerie errichtet und ist am Standort Deutschlands größter Methanol-Hersteller. Die Raffinerie hinter einem verschlungenen Rohregewirr ist eine der ersten, die völlig rückstandsfrei arbeitet.

Auch sonst wird auf dem Chemieareal Wert auf Ökologie gelegt. InfraLeuna pumpt noch nach 20 Jahren Öle des DDR-Betriebs aus dem Gelände. Ihr Sprecher verweist auf Umweltpreise und eine Umweltallianz - und darauf, dass man die Fische aus der benachbarten Saale heute wieder essen könne. Auch Teile der Produktion in Leuna sind "grün" geworden: Thyssen-Krupp hat sich vor drei Jahren mit seiner Biotechnologie-Sparte angesiedelt. Noch im Labormaßstab wird, versteckt in einer rostrot gestrichenen Halle, an einer Anlage zur Milchsäureerzeugung getüftelt. Ausgangsstoff ist Zucker, in der zweiten Generation soll Lignose eingesetzt werden.

Beim Mittagessen in der Kantine von Total hebt Masao Fukumoto eine Gabel: "Das Besteck", sagt er, "gab es damals nur aus Aluminium, in einer Bestecktasche. Und man musste es nachher selbst abwaschen." Er hat ein in japanischer Sprache erschienenes Buch mit dem Titel "Eine kleine Revolution" verfasst. Darin behauptet der Journalist, dass Westdeutschland nach der Wende lediglich einen neuen Markt, aber keine Produktionsstandorte in Ostdeutschland gesucht habe. "Deshalb hat sich die Ansiedlung der Industrie in Ostdeutschland so verzögert", glaubt er.