Man kann ja nicht wirklich behaupten, dass es in den vergangenen 20 Jahren komplett still geworden wäre um die einstigen "Bösen Buben des Rock". Eben erst las man, beispielsweise, in den Klatschspalten der Weltpresse, dass Ron Wood (mit 69 Jahren der Jüngste des Altherren-Quartetts) Vater von Zwillingen geworden sei. Seine Frau, Sally, heute 38, war noch nicht einmal geboren, als Wood schon erste Song-Schreiber-Lorbeeren bei einem der namhaften Hits der Stones erwarb (es war "It’s Only Rock’n’ Roll But I Like It", 1974). Mick Jaggers Ex, das mittlerweile 59-jährige frühere Model Jerry Hall, Mutter von vieren seiner sieben Kinder, heiratete unlängst den 84-jährigen australischen Medien-Zar, Rupert Murdoch.

Richards & Wyman solo

"Totally stripped" (2016): Man blickt aus der Perspektive der 70-Jährigen auf die damals 50-Jährigen.
"Totally stripped" (2016): Man blickt aus der Perspektive der 70-Jährigen auf die damals 50-Jährigen.

Gut. Aber was hat sich bei den "Rollenden Steinen" eigentlich musikalisch getan? Der Chef-Gitarrist der Gruppe, Keith Richards, 72, veröffentlichte letztes Jahr, nach 23-jähriger Pause, ein Solo-Album ("Crosseyed Heart"), das da und dort nachsichtiges Lob kassierte, beim ersten Durchklicken aber nur Ermüdung hervorruft. Bill Wyman, Richards alter Band-Kollege, der schon verdächtig nahe an die 80 gerückt ist, hat letztes Jahr ebenfalls ein Solo-Album vorgelegt. Und "Back to Basics" ist das wahrscheinlich beste Stones-Album seit "Aftermath".

Damals, 1966, hatten die Stones ihr erstes richtiges Pop-Album produziert. Die Texte waren trivial, aber verständlich, und sogar mitsingbar. Brian Jones, der musikalische Genius der Gruppe, sorgte für die Comic-Heft-artige Kolorierung der Stücke. Die beste Rhythm&Blues-Band Englands wandelte sich zu einer internationalen Pop-Gruppe im Stile der Beatles. Bill Wyman, der damalige Bassist der Gruppe, hat diese Lektion nie verlernt. "Back to Basics" ist ein vergnügliches Stones-Album ohne die Sperenzchen, aber auch ohne die Höhepunkte, die eben halt doch nur Mick Jagger liefern konnte.

Und was passierte sonst noch in den letzten 20 Jahren? Peter Schleicher starb letztes Jahr - der Mann, der immerhin zwei Stones-inspirierte Alben mit Wiener Texten eingespielt hatte, zum Teil sogar mit Hilfe von Ex-Stones-Mann Mick Taylor an der Stromgitarre. Bei den Stones selbst, als Gruppe, hat sich - genau genommen - nicht viel getan. Viel Gewühl in den Archiven, endlos neue Anthologien, neu oder erstmals aufgelegte Live-Alben, Raubdrucke noch und noch. 1995 erschien "Stripped", ein Album mit bis aufs Skelett abgemagerten Live- und Studio-Aufnahmen alter Stonesnummern. Konnten die vier verbliebenen Steine noch, so lautete damals die Frage, einfach so, ohne massive Überproduktion, irgendjemanden hinterm Ofen hervor locken? Gewiss doch. Sie waren zwar damals schon um die 50, aber irgendwie ging’s noch.

Und jetzt, 21 Jahre später, erschien "Totally Stripped", die Fortsetzung der damaligen Scheibe und DVD. Jetzt blickt man aus der Perspektive der 70-Jährigen auf die damals 50-Jährigen, und hört den Ausschuss von einst, der seinerzeit nicht veröffentlicht wurde. Da hatten sie’s aber doch noch drauf, sagt man sich heute, und begrüßt die noch nicht völlig verkalkten Herren als jugendliche Energiespunde. Und die tollste Neuigkeit: Noch in diesem Jahr, aber vielleicht auch erst im nächsten, soll wieder einmal eine ganz neue Scheibe von ihnen erscheinen.

Abfällige Traktätchen

Also fragt man sich: Was kann einem diese Nachricht bedeuten? Was war eigentlich das Wesentliche, oder die essenzielle Botschaft der Stones? Warum hat man sich die Songs dieser Gruppe angehört? Was hielt die Fans über 50 Jahre hinweg an der Stange?

Und man stellt fest, ohne sonderliche Überraschung: Es war grundsätzlich nichts weiter als eine endlose Litanei frauenverächtlicher Liedlein, jedes ein kleines abfälliges Traktätchen über ein allfälliges Mädchen. Schon auf "Aftermath" hörte man "Stupid Girl" und "Under My Thumb". Gewiss, oft handelte es sich um "Rollenprosa" oder wie man das nennen möchte, wenn es sich um einen Liedtext handelt. Mick Jagger schlüpfte in die Rolle eines "Jumping Jack Flash", eines "Monkey Man" oder eines "Under-Assistant West Coast Promotion Man". Er spielte diese Rollen, verkörperte diese Figuren.

Wenn er als Renaissance-Höfling seiner "Sweet Lady Jane" ewige Treue schwor, weil sie mehr Geld besaß, und sich zugleich von Lady Ann und ihrer Zofe Marie verabschiedete, zupfte im Hintergrund Brian Jones auf einer hinterwäldlerischen Dulcimer - nicht unähnlich einer Zither, wie sie Anton Karas in der Musik zum "Dritten Mann" spielte. Dazu kam Keith Richards auf der akustischen Gitarre und Jack Nitzsche auf dem Cembalo - ein Klang-Potpourri, als wühlte Dagobert Duck in seinen Goldmünzen und ließe sie sich klimpernd auf den Entenkopf prasseln.

Die Mischung aus Rollenspiel und sexistischer (vorgeblich "humoristischer") Strandpostkarte, von der Art, wie man sie an einem Badeort wie Torquay erwerben konnte, setzt sich fort in einem Song wie "Dear Doctor", wo der geistig behinderte Bräutigam stöhnt, "das Mädel, das ich heiraten soll, ist ne krummbein’ge Sau" - und er bittet den Landarzt des Titels, ihm irgendeine Erleichterung zu verschaffen. Bis sich herausstellt, dass die Braut mit dem Cousin des Bräutigams durchgebrannt ist, womit die Welt dann wieder ins Lot kommt.