Einer von Franz Xaver Messerschmidts Charakterköpfen: "Einfalt im höchsten Grade". - © Wien Museum
Einer von Franz Xaver Messerschmidts Charakterköpfen: "Einfalt im höchsten Grade". - © Wien Museum

"Die Dummheit ist eine Himmelsmacht, die sich in den Falten des Stammhirns als bodenlose Mitgift an das Menschengeschlecht verbirgt", schrieb der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seinem Buch "Im Irrgarten der Intelligenz. Ein Idiotenführer". Für den 2015 verstorbenen französischen Philosophen André Glucksmann stand fest, dass "die Dummheit die verbreitetste Sache der Welt ist. Man begegnet ihr auf jedem Bildschirm, sie ist die große Gleichmacherin, sie ist mächtig unter den Mächtigen und in allen Lagern bringt sie den Geist der Parteilichkeit zum Blühen. Sie ist der Motor der Geschichte".

Die Dummheit scheint omnipräsent zu sein. Sie manifestiert sich in Alltagssituationen, in Vorurteilen, in Politikerreden, in den Me-dien, speziell in den Infantilisierungsspektakeln der Talkshows und sogar im Elfenbeinturm der akademischen Welt. "Dummheit ist auch eine natürliche Begabung", konstatierte bereits der deutsche Zeichner, Maler und Schriftsteller Wilhelm Busch. Und Friedrich Schiller war davon überzeugt, dass selbst Götter gegen Dummheit vergebens kämpften.

Mit der Dummheit haben sich Philosophen und Schriftsteller in verschiedenen Epochen befasst. Sie sind zu dem Schluss gelangt, dass die Dummheit kein einheitliches Phänomen ist, sondern sich in zahlreichen Ausprägungen manifestiert, die vom historisch/kulturellen/soziologischen Kontext bestimmt werden. Die unterschiedlichen Figurationen der Dummheit wurden als das Andere der Vernunft bezeichnet, als das Rätselhafte, Störanfällige, Unbeherrschte in der Welt.

Schwierige Analyse

Analytikern der Dummheit - wie etwa Robert Musil - ist es nicht gelungen, eine konsistente Deutung dieses Phänomens vorzulegen, wie sich der Schriftsteller in seiner "Rede über die Dummheit", die er auf Einladung des Österreichischen Werkbundes 1937 in Wien hielt, eingestehen musste.

Ein Esel betreibt Ahnenforschung: Francisco de Goya verspottet in seinem Capricho "Zurück bis zu seinem Großvater" den Adel. - © Nationalmuseum der Schönen Künste, Buenos Aires/Wikimedia
Ein Esel betreibt Ahnenforschung: Francisco de Goya verspottet in seinem Capricho "Zurück bis zu seinem Großvater" den Adel. - © Nationalmuseum der Schönen Künste, Buenos Aires/Wikimedia


"Ich habe keine Theorie der Dummheit entdeckt, mit deren Hilfe ich mich unterfangen könnte, die Welt zu erlösen", heißt es in den einleitenden Bemerkungen. Den Versuch, die Dummheit umfassend darzustellen, verglich Musil mit einer Kohlweißlingsjagd: "Was man zu beobachten glaubt, verfolgt man zwar eine Weile, ohne es zu verlieren, aber da aus anderen Richtungen auf ganz gleichen Zickzackwegen auch andere, ganz ähnliche Schmetterlinge herankommen, weiß man bald nicht mehr, ob man noch hinter dem gleichen her sei"

Der in Berlin tätige Soziologe Werner van Treeck hat eine eigene Studie über die Dummheit verfasst, in der er die Dummheit als Ausgangspunkt der menschlichen Existenz ansieht. Für ihn ist sie der Urzustand, in den wir hineingeboren werden. Dummheiten begleiten uns seit der frühen Kindheit; das "Mängelwesen Mensch", wie es der Philosoph und Anthropologe Helmuth Plessner genannt hat, muss sich mit verschiedenen Facetten der Dummheit im Verlauf seines Lebens auseinandersetzen: Dazu zählen Kindheitsnaivitäten, Beschädigungen oder Mängel, die von der schulischen Erziehung oder vom Elternhaus ausgehen und von Torheiten, die aus unüberlegten Handlungen resultieren. Die vielfältigen Formen der Dummheit verwandeln sich proteushaft und setzen sich bis in das hohe Alter fort; man entkommt ihnen nicht..



Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich sprach in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von einer "anerzogenen Dummheit" - "jene durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit, die leider massenhaft auftritt".

In seiner Rede sprach Musil von der "ehrlichen Dummheit": Sie ist schwer von Begriff, arm an Vorstellungen und Worten und ungeschickt in ihrer Anwendung. Wesentlich ist das Element der Wiederholung; möglichst einfache Darstellungen von Sachverhalten sollen solange wiederholt werden, bis sie als unumstößliche Wahrheiten gelten; Widersprüche werden nicht in Betracht gezogen.

Theodor W. Adorno bezeichnete die "ehrliche Dummheit" als Erstarrung, als Mumifizierung. Der davon befallene Mensch weigert sich, die Panzerung der Vorurteile, die er angelegt hat, aufzubrechen; seine Lebenswelt ist von der "ewigen Wiederkehr des Gleichen" geprägt.

Philistertum

Ein Beispiel für die "ehrliche Dummheit" findet sich in dem satirischen Roman "Geschichte der Abderiten" von Christoph Martin Wieland. Der Roman besteht aus einer Abfolge von absurd anmutenden Geschichten, die in der griechischen Kleinstadt Abdera spielen. Dieser Ort ist ein Synonym für ein kleinstädtisches Ambiente, in dem Philistertum, Stumpfsinn und Borniertheit herrschen.

Im dritten Buch schildert Wieland die Begegnung der Abderiten mit Euripides, dessen Drama "Andromeda" eines Tages in ihrem Nationaltheater gespielt wurde. Euripides mischt sich unter die Theaterbesucher und wird nach seinem Urteil über das Stück befragt. Über seine kritischen Äußerungen sind die Abderiten erbost und stellen ihn zur Rede. Als der Autor seine Identität preisgibt, stößt er auf großes Befremden; seine Person wird mit einer Büste verglichen, die von einem einheimischen Künstler verfertigt wurde und keinerlei Ähnlichkeit mit dem vor ihnen stehenden Euripides aufweist. Erst als ein Verwandter des Schriftstellers die Identität von Euripides bestätigt, beruhigen sich die aufgebrachten Abderiten.