Immer in Bewegung, bei jedem Wetter. Immerhin ist Süleymans Arbeitsplatz überdacht. In der Felberstraße, Nähe Westbahnhof, gab es lange Zeit eine sogenannte Straßentankstelle, wo der Tankwart den Launen des Wetters schutzlos ausgeliefert war. Geführt wurde sie vom ehemaligen Fußballprofi Ernst Ocwirk. In früheren Zeiten wurden verdiente Austria-Spieler nach Ende ihrer Karriere von dem Sponsor und Mineralölbetreiber Leopold Stroh gerne mit einer Tankstelle als Art Altersversorgung bedacht.

Süleyman setzt den Scheibenputzer am unteren Rand der Autoscheibe an und führt ihn in einer kurvenförmigen Bewegung an deren Rand. Diesen Vorgang wiederholt er mehrere Male. Kein Schmutz, kein Wassertropfen bleibt zurück. Diese Reinigung führt er oft, aber nicht immer durch. Dann etwa nicht, wenn der Kunde wenig tankt und die Zeit dafür zu knapp ist. Auch dann nicht, wenn das Auto direkt aus der rückseitigen Waschstraße kommt, denn in diesem Fall kann die gerade erzielte Sauberkeit leicht Schaden nehmen, dazu genügt ein einziger Schmutztropfen, der auf den weißen Autolack fällt. Er habe, sagt Süleyman, schon Kunden gehabt, die daraufhin wahre Tobsuchtsanfälle bekommen haben.

Im Durchschnitt passieren pro Tag rund 500 Autos die angeschlossene Waschstraße hinter der Tankstelle. An schönen Tagen können es auch 750 werden. Dann herrscht hinten Hochbetrieb, im Sommer zu Saunabedingungen, denn zur großen Hitze gesellt sich hohe Luftfeuchtigkeit. "Länger als zehn Jahre hält die Arbeit in der Waschstraße niemand durch. Zu groß ist die psychische und physische Belastung. Ich hatte schon Kollegen, die zu Beginn ihrer Arbeit 120 Kilogramm wogen - und als sie aufhörten, nur noch 80", erzählt Süleyman.

Tage, an denen das Thermometer in seinem Kassabereich auf 40 Grad Celsius steigt und er jede Stunde sein T-Shirt wechseln muss, gibt es in jedem Sommer einige. Unangenehmer sei für ihn allerdings die Winterzeit, weil die einen ständigen Wechsel zwischen warmem Kassa- und kaltem Außenbereich bedeute. Ein Wechsel, der normalerweise zuverlässig zur Erkältung führt. Nicht so bei Tankwarten. Entweder stärkt der Beruf die natürlichen Abwehrkräfte oder der Tankwart ist per se ein Kerl, den nichts so schnell umhaut.

Hunderte Kunden - und vor allem Kundinnen - sind es, die pro Tag zum Tanken kommen. Am Anfang des Monats, sagt Süleyman, heiße es noch häufig: "Volltanken", später nur noch: "für zwanzig oder für zehn Euro". Im Laufe des Monats wird das Haushaltsgeld sukzessive weniger. Eine weitere Erfahrung des Tankwarts: "Die Arbeitslosen kommen immer am Achten zu uns tanken, dann, wenn sie ihr Geld vom AMS bekommen."

Immer etwas los

Süleyman hat das Gefühl, dass die Leute heute mehr aufs Geld schauen als früher. Das zeige sich nicht zuletzt beim Trinkgeld, das vor zehn Jahren noch großzügiger gegeben worden sei. Auch freundlicher seien die Menschen damals gewesen. Ein Freund von Süleyman kommt auf einen Kaffee vorbei. Das macht er oft und gerne. Er genießt es, einfach dazusitzen und dem Treiben auf der Tankstelle zuzuschauen. Für ihn das beste Schauspiel, ein "wahres Panoptikum".

Immer sei etwas los. Erst neulich habe er erlebt, wie ein Kunde Diesel für exakt 1,83 Euro haben wollte. Selbst für Süleyman eine Premiere, so etwas hatte er noch nicht erlebt. Dabei kann ihn kaum noch etwas überraschen.

Alles war schon da: ein Einbruch, ein Überfall, Falschgeld, Kunden, die anschreiben lassen wollten. Ein defekter Autotank, der zu einer Diesel-Überschwemmung auf der Tankstelle führte, mit nachfolgendem Polizei- und Feuerwehreinsatz. Ein Kollege, der sich beim Versuch, mit dem Feuerzeug den Pegelstand des Tankstellen-Tanks abzulesen, schwerste Verbrennungen im Gesicht zuzog.

Kaputte Birnchen wechseln. Neue Scheibenwischerblätter montieren. Den Reifendruck kontrollieren. Diese Arbeiten gehörten einmal zum selbstverständlichen Repertoire einer Tankstelle. Nun sind sie den Bedienungstankstellen vorbehalten. An den Selbstbedienungstankstellen, die Ende der Siebzigerjahre aufkamen und heute den Markt beherrschen, wird dieser Service nicht mehr geboten. Dafür gibt es dort frische Semmeln. Süleyman packt seine Jause aus. Zum Essen kommt er nur, wenn auf der Tankstelle nichts los ist. Fixe Pausenzeiten kennt diese Branche nicht, warmes Essen auch nicht. Einst hatte die Tankstelle ihren Platz dort, wo die Menschen auch lebten, in den Wohnsiedlungen. Dann verlagerte sie sich immer mehr an die Randgebiete, an die Durchgangsstraßen. Eine Legende ist etwa die "Champion-Tankstelle" im ersten Wiener Bezirk, die so schmal war, dass das Auto mithilfe einer Drehbühne zum Tanken in Position gebracht werden musste.

Anfang dieses Jahres hat auch die Diskonttankstelle in der Neubergenstraße, in Wien-Fünfhaus, ihren Tankbetrieb eingestellt. Mit den Großen hätte ihr kleiner Betrieb, eine Hinterhoftankstelle, einfach nicht mehr mithalten können, sagt Elisabeth Landschützer, die Inhaberin. Ihre Eltern hätten pro Liter Treibstoff noch einen Schilling verdient, sie dagegen nur noch drei, vier Cent. Zu wenig, um zu überleben.

Sprit & Schmäh

Die Kunden mussten in dem ebenso charmanten wie engen Hinterhof ihr Auto zum Tanken wenden. Das nahmen sie in Kauf, weil der Service passte. Bei Wilhelm Dymak und Michael Zeleny, den beiden Tankwarten aus Leib und Seele, wussten sie sich stets in guten Händen. Außerdem hatten sie immer einen Schmäh drauf. Hier zu tanken war wie bei guten Freunden vorbeizuschauen.

Allein vom Spritverkauf kann eine Tankstelle heute nicht mehr leben. Es muss schon ein Shop oder Reifenhandel dazukommen, um rentabel wirtschaften zu können. Das Shop-Geschäft, heißt es in Insiderkreisen, mache zwar nur ein Viertel des Umsatzes aus, bringe jedoch ein Drittel des Gewinns. Bei Süleyman wird mit der Waschstraße Geld gemacht.