Die meisten waren Vier-Bett-Zimmer; den Flur entlanggehend sah man, dass auf den nummerierten Schildern neben ihren Türen mitunter vom in Versalien gedruckten "Patientenzimmer" die ersten vier Buchstaben, manchmal nur das erste "i", getilgt worden waren: "Entenzimmer".

Das hätte wohl auch Robert Gernhardt gefallen. Im Gegensatz zu den Begleitumständen - die der deutsche Autor (1937-2006) fraglos bestens kannte: "O Mensch, halt ein vorm Krankenhaus. / Gehn dem einmal die Kranken aus, / dann greift man auch auf dich zurück, / und du verbleibst dort Stück für Stück", dichtete Gernhardt und rückte dem Ernst der Lage mit Geist und Galgenhumor zuleibe.

Die Verse vom Menschen sammelnden - oder: fressenden - Krankenhaus gehören in einen Zyklus von "Krebs-Gedichten", in denen Gernhardt seine eigene Erkrankung, samt Operationen und Chemotherapie thematisiert. Wer davon weiß, wird sie nicht ohne eine Spur Bitterkeit lesen - ebenso wenig wie alle, die erlebt haben, was auf die Diagnose "Krebs" folgt. In der Regel werden die Betreffenden zunächst von dem gravierenden Befund überrascht und erschüttert - um sich einen Augenblick später aus der Welt der vermeintlich Gesunden in die der Kranken katapultiert zu finden: die einen draußen, die anderen drinnen, im Krankenhaus. Mit "Entenzimmer" oder ohne.

Verlust der Autonomie

Befindet man sich einmal als Pa-tient im Spital, erfährt man mit Zuweisung der Rolle, des Status eines Patienten, einer Patientin das Krankenhaus als vom Alltag "der Gesunden" streng separierten und separierenden Raum. Einen Ort, der zugleich die Grenze symbolisiert, die in vielen Köpfen zwischen "gesund" und "krank" gezogen scheint, als gäbe es nur dieses Entweder-Oder und nicht unzählige Stadien dazwischen.

In dieser schwarz-weißen Sichtweise erhält das Gebrechen eines "Krankenhaus-Patienten", je nach Schwere, rasch die Bedeutung eines kardinalen, die Persönlichkeit kennzeichnenden Charakterzugs; schließlich ist es der Körper des Patienten, um den sich hinter Krankenhausmauern alles dreht.

Womit nun zwei Aspekte angesprochen sind, die - etwa - in meinem Fall das Dasein als Patientin komplizierter machten, als es vielleicht hätte sein müssen. Zwar war ich als "Krebspatientin" über ein halbes Jahr erst ständiger, dann regelmäßiger Spitals-Stammgast und zählte in den Augen der Ärzte und Ärztinnen, die mir mehr als einmal das Leben retteten, zeitweise zu den schwer Erkrankten - dennoch schien mir mein eigener Zustand in einem wesentlichen Punkt nicht mit der gängigen Vorstellung von "krank" übereinzustimmen. Nämlich da-rin, dass, adäquat zum Verwaltetwerden des "Patienten", das Kranksein als existenzieller Modus begriffen wird, in dem die so Apostrophierten - im Gegensatz zu Gesunden - ihre "persönliche Autonomie" verloren haben. Denn menschliche Gesundheit, um mit dem Philosophen Ivan Illich zu sprechen, "misst nicht nur den Grad der Fähigkeit, mit der Welt fertig zu werden, sondern auch die Fähigkeit, in Gemeinschaft die Umwelt bewusst und gezielt zu gestalten."

Aber nicht bei jeder Krankheit verliert man gleich den Kopf, oder das Handlungsvermögen. Nach Ivan Illich ist wohl mancher Pa-tient gesünder, als seine Umgebung glaubt, und mancher Gesunde wesentlich kränker.

Und nicht nur das: Blickt man sich in diesem halböffentlichen Mikrokosmos Krankenhaus einmal um . . . in den Reihen der Patienten, die nicht mehr aufgelöst von Schmerzen oder erschöpft von einer Operation in ihren Betten liegen, sondern bei denen, die in Bademänteln und Nachthemden, Schlapfen an den bloßen Füßen, mit Verwandten und Freunden in den Aufenthaltsräumen sitzen oder durch die Flure ziehen, Namensbändchen um ihre Handgelenke, Kanülen im Unterarm . . . ja, blickt man sich um und sieht genauer hin, findet man immer wieder Männer und Frauen, die - teils mit Charme, teils mit Galgenhumor (genuin menschlich-zivilisatorischen Eigenschaften) - versuchen, ihre "persönliche Autonomie" zu behaupten. Wie gesagt: als Einzelne gegenüber einem System, in das sie sich, auf Hilfe hoffend, freiwillig begeben haben, in dem sie aber oft auf die Funktion eines Krankheitsfalls reduziert werden. Oder "aktiv" ausgedrückt: Als Spitalspatient hat man die Aufgabe, als - in der leistungsorientierten Gesellschaft - nicht funktionierender Körper zu funktionieren.

Was natürlich in der "Rede vom Körper" zum Ausdruck kommt. Zumeist ist ja die Sprache der Schauplatz von Versuchen, als Spitalspatient mit denen auf Augenhöhe zu kommunizieren, von deren Wissen, Aufmerksamkeit und Können das eigene Leben abhängen kann: der Ärzteschaft. Und oft wird anhand der Sprache sichtbar, wie beide Seiten aneinander vorbeischeitern:

"Thorax und Sonographie, axillär, inguinal, cervical / supra und infraclaviculär CCT und Blutbild differential [. . .]", beginnt ein Gedicht von Martin Kubaczek. Wie Gernhardt hat auch dieser österreichische Autor seine Erfahrungen als Krebspatient literarisch verarbeitet. Jedes Gedicht in seinem Band "Nebeneffekte" ist eine autobiografische Miniatur, die sensibel und mit großer Aufmerksamkeit für Zwischentöne von Kubaczeks Beobachtungen während der Zeit im Wiener AKH erzählt.