Die oben zitierten Zeilen entsprechen dem schulmedizinischen Fachjargon, den jeder aus Arztbriefen kennt und dessen Unmenschlichkeit seit langem kritisiert wird. Trotzdem ist es in Spitälern noch gang und gäbe, Pa-tienten in diesem "expertokratischen" Idiom zu erklären, was in ihnen vor sich gehen mag.

Doch selbst wenn ein Patient sämtliche medizinische Fachbegriffe versteht, ist ein Missverhältnis programmiert - das seit Jahrhunderten zu unserer Kultur gehört: Um etwas von seiner Krankheit zu verstehen, muss sich ein Kranker auf die Perspektive der Mediziner einlassen, was nur geht, wenn man sich erstens auf cartesianische Weise nicht als eine Person - ein "Ich" - denkt, sondern als aufgespalten in Psyche und Körper, Seele und Leib.

Und Letzteren als zu reparierendes Problem; salopp gesagt: Der Körper, in dem man haust, dessen Regungen man empfindet, mit dem man fühlt und denkt, der man "ist", wird in der Rede abgespalten und auf "seine" Krankheit reduziert, die dann in einer Fachsprache erörtert werden muss.

Völlig schief kann’s in Sachen Kommunikation zwischen Arzt und Patient laufen, wenn sich auch der Tod zu Wort melden will. Patienten mit einer schweren Krankheit sind meist durch ihre Diagnose gezwungen, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen - während ihre Ärzte und Ärztinnen den Tod meist als Feind betrachten, oder, wie der Schweizer Internist Franz Nager schreibt, als "Scandalon", das abzuwehren ist: "Die in Kliniken heute oft noch dominante Einstellung moderner Medizin zum Tod ist gekennzeichnet durch Todesabwehr und Todesverdrängung."

Anpassungen

Aber man will ja, dass sie ihre Arbeit gut erledigen, die Ärzte! Dass sie Wege finden, die eigene Lebenszeit noch ein wenig zu verlängern, und den Tod verjagen! Und so lässt man als Patient oder Patientin die Versuche sein, sich besser zu verständigen. Bald antwortet man bei der Visite auf die Frage nach dem Befinden prinzipiell knapp, falls möglich mit "gut", "so lala", "wird schon". Und würde vielleicht dem einen oder der anderen den jüngsten Essay des Onkologen Siddharta Mukherjee empfehlen, in dem es heißt:

"Ich hatte niemals erwartet, dass die Medizin eine so gesetzlose, unsichere Welt sein würde. Ich fragte mich, ob das zwanghafte Benennen von Körperteilen, Krankheiten und chemischen Reaktionen - Frenulum, Otitis, Glykolyse - ein Mechanismus war, den die Ärzte erfunden hatten, um sich gegen eine weitgehend unergründbare Wissenssphäre abzuschotten. Der Schwall an Fakten verdunkelte ein tieferes, maßgebliches Problem: die Versöhnung von Wissen (sicher, belegt, vollkommen, konkret) und klinischer Meinung (unsicher, fließend, unvollkommen, abstrakt)."

Aber als Patientin will man niemanden grundlos beunruhigen. Oder den Betrieb, der alle zu überfordern scheint, weiter aufhalten. Vor allem nicht, wenn man den Helfenden dankbar ist. So registriert man eben vieles und hofft irgendwann, dass es mit dem Neoliberalismus im Gesundheitssystem endlich zu Ende gehen möge. Dass nicht der reibungslose Ablauf eines Betriebs im Vordergrund steht und - auf die Gefahr hin, "unrealistisch" gescholten zu werden: nicht ökonomische, sondern humane "Effektivität".

Keinesfalls sollten sich Spitals-patienten als Hindernis im Tagesablauf fühlen müssen. Oder als das, was in der Fachliteratur für Ärzte und Pflegepersonal (dem die heilsame "menschliche" Ansprache und der Trost obliegt und das unterbezahlt oft Ungeheures leistet) gemeinhin als "schwieriger Patient" bezeichnet wird.

Denn: Liest man sich als Pa-tient in entsprechende Schriften ein, die "schwierige Patienten" in Typen wie "Nörgler", "Jammerer" und "Besserwisser" unterteilen, könnte man resignieren. Sicher, es gibt "schwierige" Menschen, aber nicht jeder, der sich beschwert, will sich wichtig machen. Die Wirkung des Gesundheitssystems, das ihn auf die Rolle des Patienten reduziert, auf die jeder unwillkürlich reagiert, gehört mitgedacht.

Eines Nachmittags, als ich den ersten Chemotherapie-Zyklus begann, hörte ich die freundliche Assistenzärztin, die neben meinem Bett stand, wie aus dem Lehrbuch referieren: Ein bestimmtes Medikament könne zwar das - durch die Chemotherapie demnächst bestimmt ruinierte - Blutbild stabilisieren und mich vor Infektionen schützen, sei aber sehr teuer, weshalb ich es erst einmal nicht erhalten soll, freilich, wenn ich gebrechlicher wäre . . . Und ich fragte mich: Was war das? Eine Ungeschicktheit oder ein - ihr unbewusster - Disziplinierungsversuch à la: Bittschön, lieg doch der Kassenkassa nicht auf der prallgefüllten Tasche, und nicht vergessen, dass du als Einzelner inzwischen an allem selber schuld bist, von der Arbeitslosigkeit bis zum Krebs!? Aber ich würde doch auch etwas nehmen, was nur einen Cent kostete, wenn es denn hälfe. Aber da kam schon wer Anderer im weißen Kittel, vielleicht ein bekanntes Gesicht, vielleicht ein unbekanntes . . .

Leben unter Fremden

Nein, das Krankenhaus ist kein Ort zum Gesundwerden. Dazu ist es hier, wie gesagt, zu betriebsam. Voller Menschen. Als Patient lebt man hier kurzfristig in einem halböffentlichen Raum, man gewöhnt sich daran, von Fremden im Nachthemd gesehen zu werden. Neben Unbekannten einzuschlafen und aufzuwachen - die man allerdings, bleiben sie lang genug, besser kennenlernt. Man könnte sogar etwas Positives darin sehen, dass man nur als Krankheitsfall zählt: Alle teilen dasselbe Los, unterliegen denselben Zumutungen, derselben Routine, hören mitunter mehrmals täglich dieselbe Frage nach dem Stuhlgang - zumindest in der Patientenschaft sind die Hierarchien eingeebnet. (Die Privatpatienten logieren in einem anderen Trakt, was soll’s.) Und das halbprivate Leben unter Fremden lässt einen Haltung bewahren, immerhin. Mit einem Ausdruck Mukherjees ließe sich sagen, man existiert schließlich großteils abseits der Statistiken, in einem "Bereich zwischen den Fakten".

Wenn nur endlich die Ärzteschaft einen dort erreichte - oder, besser gesagt: Wenn es endlich ein System gäbe, das auch auf diese Wirklichkeit einginge. Das weniger technokratisch organisiert wäre und es auch den Medizinern, die in es eingespannt sind, erleichterte, ihrem eigentlichen Beruf nachzukommen. Statt sich damit zu beschäftigen, wie viel Krankenhauspersonal eingespart, wie viel Pfleger und Krankenschwestern zukünftig durch freundliche Roboter ersetzt werden können. Systeme streben per se danach, sich zu perfektionieren - was ein ganz anderes Ziel ist als das, Menschen zu heilen.