Nietzsche hat den Helligkeitsabstufungen der Tageszeiten unterschiedliche Erkenntnisleistungen zugesprochen . . . - © Fotolia/WZ
Nietzsche hat den Helligkeitsabstufungen der Tageszeiten unterschiedliche Erkenntnisleistungen zugesprochen . . . - © Fotolia/WZ

Als der Philosoph Friedrich Nietzsche, ein an sich unglücklicher Mensch, der sich das Glück seines Wissens mit der Macht lebensbedrohlicher Zumutung erkaufte, in den Erinnerungen suchte, die ihm Klarheit eingaben über den anscheinend schicksalhaften Verlauf seiner Existenz, da fiel ihm eine Begebenheit ein, die sich im Hochgebirge zugetragen hatte. Nietzsche war umhergewandert; er hatte Felsschründe über sich gesehen und den Firn ewigen Eises, was ihn, wie immer, wenn er wanderte, dazu veranlasste, in der Reichweite mittlerer Höhen zu bleiben und das Beunruhigende allzusteiler Pfade zu meiden.

Unwegsames Gelände betrat Nietzsche nur in Gedanken; als Wanderer war er ein Biedermann, der sich an die Wege hielt, die ihm die Sicherheit gaben, ankommen zu können und zurückfinden zu dürfen. An einem Abhang machte der Philosoph Halt; er schaute ins Tal hinab, und was er sah, nahm ihn gefangen und ließ ihn, als ein Ahnung aufwerfendes Bild, nicht mehr los: "Ich sah hinunter, über Hügel-Wellen, gegen einen milchgrünen See hin, durch Tannen und altersernste Fichten hindurch: Felsbrocken aller Art um mich, der Boden bunt von Blumen und Gräsern. Eine Herde bewegte, streckte und dehnte sich vor mir; einzelne Kühe und Gruppen ferner, im schärfsten Abendlichte, neben dem Nadelgehölz; andere näher, dunkler; alles in Ruhe und Abendsättigung. Die Uhr zeigte gegen halb sechs . . . Links Felsenhänge und Schneefelder über breiten Waldgürteln, rechts zwei ungeheure beeiste Zacken, hoch über mir, im Schleier des Sonnenduftes schwimmend, - alles groß, still und hell. Die gesamte Schönheit wirkte zum Schaudern und zur stummen Anbetung des Augenblicks ihrer Offenbarung."

Ahnung am Berghang

Die Ahnung, die ein solcher Augenblick bringt, hat nichts mit dem üblichen Tagesgeschehen zu tun; sie ist vielmehr zeitübergreifend und ruht in sich selbst, so als wäre die Natur und die ihr zugedachte Gegenstandswelt zum Stillstand gekommen. Nietzsche hat die Ahnung, die ihn am Berghang überkam, später zur Gewissheit erhoben und zu einem Einsichtsprinzip erklärt, das in der Lebens-Geschichte selber wirk-sam wird. Es verhilft zu einer (möglicherweise trügerischen) Evidenz, die als Wahrheit begriffen werden kann, an der das Dasein Genüge findet. Die Fragen, die der Mensch an sein Leben stellt, werden im Schein dieser Wahrheit zu Antworten; ein Bewusstsein wirft sich auf, das jenseits aller Beweisführungen mit einer abwegigen Selbstsicherheit antreten kann, die sich um die Realien der Existenz nur noch am Rande zu kümmern hat.

Friedrich Nietzsche, gemalt von Edward Munch, 1906, Öl auf Leinwand; Thielska galleriet, Stockholm. - © gemeinfrei
Friedrich Nietzsche, gemalt von Edward Munch, 1906, Öl auf Leinwand; Thielska galleriet, Stockholm. - © gemeinfrei

Nietzsche verschaffte sich Klarheit; der "Wanderer", als den er sich begriff, wurde ihm zur wiederkehrenden Metapher für das Dasein des Menschen auf Erden. Er geht seines Weges; dabei bleibt er abhängig vom Licht des Tages, in dem man sehen, aber auch geblendet werden kann. Nietzsche, der am Ende seines bewussten Lebens eingestand, er sei "des Tages müde" und "krank vom Licht", legte Wert darauf, den Helligkeitsabstufungen der Tageszeiten unterschiedliche Erkenntnisleistungen zuzusprechen.

Was ihm in den Bergen zuteil geworden war, nämlich eine zur Gewissheit erhobene Ahnung, nahm er aus den frühen Abendstunden mit hinüber in den nächsten hellen Tag. Dort wurde sie zur "Philosophie des Vormittags" - zu einer Vorstufe des Wissens, das sich belohnt glaubt im Vollzug unmittelbarer Einsichtigkeit, die aus den Dingen selbst erwächst: "So mag es . . . dem Wanderer ergehen, aber dann kommen, als Entgelt, die wonnevollen Morgen anderer Gegenden und Tage, wo er schon im Grauen des Lichtes die Musenschwärme im Nebel des Gebirges nahe an sich vorübertanzen sieht, wo ihm nachher, wenn er still, in dem Gleichmaß der Vormittagsseele, unter Bäumen sich ergeht, aus deren Wipfeln und Laubverstecken heraus lauter gute und helle Dinge zugeworfen werden, die Geschenke aller jener freien Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zu Hause sind und welche, gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen, bald nachdenklichen Weise, Wanderer und Philosophen sind. Geboren aus den Geheimnissen der Frühe, sinnen sie darüber nach, wie der Tag zwischen dem zehnten und zwölften Glockenschlage ein so reines, durchleuchtetes, verklärt-heiteres Gesicht haben könne: - sie suchen die Philosophie des Vormittages . . ."



Was im sanften Licht des Vormittags noch wie ein Erkenntnisspiel anmutet, das auf Heiterkeit angelegt ist und nicht auf den Ernst vorbehaltloser Wahrheit, reift in der Helle des Mittags zur endgültigen Einsicht. Die Zeit scheint stillzustehen; die Gestalten des Lebens sind weder alt noch jung, und das, was ist, rechtfertigt sich im Licht des Bestehenden. Die Wahrheit, die dem Menschen nun zugemutet wird, rührt an das Innerste seiner Existenz; sie ruht in sich selbst, und sie bewahrt ihre eigene Begründung.

Helle des Mittags

Nietzsche spricht von der Helle des Mittags wie von jener Klarsichtigkeit, die manche Menschen im Angesicht des Todes befällt: Das Vergangene zählt nicht mehr, die Gegenwart stirbt dahin, und die Zukunft ist ein leeres, flatterndes Blatt. Eine solche Gewissheit, die alle Möglichkeiten in sich birgt, kann auch als Glück begriffen werden; es ist ein Glück, das nicht mehr auf Erfüllung aus sein muss, sondern dem Lebenstraum zugeneigt bleibt, der leichtsinnig sein kann, aber auch des Daseins Schwere trägt: