"Wem ein tätiger und stürmereicher Morgen des Lebens beschieden war, dessen Seele überfällt um den Mittag des Lebens eine seltsame Ruhesucht, die Monden und Jahre dauern kann. Es wird still um ihn, die Stimmen klingen fern und ferner; die Sonne scheint steil auf ihn herab. Auf einer verborgenen Waldwiese sieht er den großen Pan schlafend; alle Dinge der Natur sind mit ihm eingeschlafen, einen Ausdruck von Ewigkeit im Gesichte - so dünkt es ihm. Er will nichts, er sorgt sich um nichts, sein Herz steht still, nur sein Auge lebt, - es ist ein Tod mit wachen Augen. Vieles sieht da der Mensch, was er nie sah, und soweit er sieht, ist alles in ein Lichtnetz eingesponnen und gleichsam darin begraben. Er fühlt sich glücklich dabei, aber es ist ein schweres, schweres Glück. - Da endlich erhebt sich der Wind in den Bäumen, Mittag ist vorbei, das Leben reißt ihn wieder an sich, das Leben mit blinden Augen, hinter dem sein Gefolge herstürmt: Wunsch, Trug, Vergessen, Genießen, Vernichten, Vergänglichkeit . . ."

Verlängerter Augenblick

Die Erkenntnis, die Nietzsche in der Helle des Mittags gewann, lässt sich über ihren Anlass hinaus haltbar machen; was in ihr anklingt, ist eine Gedankenfigur, die für ganze Lebensabschnitte individuelle Gültigkeit beanspruchen kann: Die Offenbarung des Augenblicks nämlich, so scheint es, lässt sich verlängern und wird zur mutmaßlichen Einsicht in das, was kommt.

Wir meinen dies an uns selbst beobachten zu können: Im Dasein jedes Menschen gibt es, so kann man behaupten, Episoden des ruhigen Gelingens, in denen sein Leben sich in die ihm zugedachte Ordnung einzufügen scheint und der Blick voraus wie die verbürgte Einsicht in eine ruhiggestellte Zukunft anmutet.

Die Konturen der Existenz nehmen Gestalt an; die Aufgaben sind gestellt, und eine denkwürdige Gewissheit macht sich bemerkbar, in deren Glanz die gehegten Erwartungen Wirklichkeitsansprüche anmelden dürfen. Zum Einsichtsprinzip wird diese Gewissheit, wenn sie ihren Erkenntnisanspruch aufrecht erhält, obwohl die Weihe des Moments vorbei ist und die Realität, das sogenannte "Leben mit blinden Augen", von dem Nietzsche spricht, wieder mit seiner Zwangsvorstellung beginnt.

Wer ihr, der Zwangsvorstellung Leben, beiwohnt im Bewusstsein hellsichtiger Gelassenheit und einer fast träumerischen Transparenz, die den jeweils bevorstehenden Lebensabschnitt wie eine leicht zu bestehende Herausforderung erscheinen lässt, hat die Botschaft des hellen Mittags wohl begriffen und, auf Dauer gestellt, zu seiner eigenen gemacht. Was die dazugehörigen Erwartungen angeht, so mögen diese enttäuscht werden: Es ändert nichts daran, dass man nur einer Gewissheit folgt, die sehr nah an dem bleibt, was Ernst Bloch mit dem "Prinzip Hoffnung" angesprochen hat - den Gang der Gedanken an den Horizont des Kommenden, mit dem man sich im Einklang wähnt:

"Das Morgen im Heute lebt, es wird immer nach ihm gefragt. Die Gesichter, die sich in die utopische Richtung wandten, waren zwar zu jeder Zeit verschieden, genauso wie das, was sie darin im Einzelnen, von Fall zu Fall, zu sehen meinten. Dagegen die Richtung ist hier überall verwandt, ja in ihrem noch verdeckten Ziel die gleiche; sie erscheint als das einzig Unveränderliche in der Geschichte. Glück, Freiheit, Nicht-Entfremdung, Goldenes Zeitalter, Land, wo Milch und Honig fließt, das Ewig-Weibliche, Trompetensignal im Fidelio und das Christförmige des Auferstehungstages danach: es sind so viele und verschiedenwertige Zeugen und Bilder, doch alle um das her aufgestellt, was für sich selber spricht, indem es noch schweigt."

Phasen des Neubeginns

Wer in der Lage ist, sein Leben von außen, gleichsam wie ein wohlwollender Beobachter zu betrachten, der wird feststellen, dass es immer wieder Phasen des Neubeginns gibt, die, zumindest in der nachträglichen Wertung, als eminent wichtig erscheinen und einer Läuterung gleichkommen. Man ist sich fast sicher, dass eine andere Zeit begonnen hat, eine Zeit des phantastischen Gelingens, das auch mit Fehlschlägen auskommen kann. Ein solches Wissen ist wie ein neues Leben, es steht im schönen Schein, der eine Vielzahl von Möglichkeiten anbietet, die man nutzen darf.

Als Weltanschauung wirft der schöne Schein Glanz ab; er gibt das Licht, in dem Dichter heimfinden oder den großen Entwurf wagen. Wer dem verführerischen Bilderreichtum des schönen Scheins erliegt, ohne die Rückversicherung des sogenannten gesunden Menschenverstandes in Anspruch zu nehmen, mag kühn genug sein, "ein Leben im Schein als Ziel" zu formulieren, wie es Nietzsche tat. Seine Zielprojek-
tion blieb die Helle des Mittags als Ort stillgestellter Erkenntnis und ruhiger Gewissheit, an dem der schöne Schein nicht nur schweres Glück erahnen lässt, sondern auch wie ein euphorischer Agent seiner selbst fungiert, der die Wahrheit immer wieder transzendiert, um sie mit neuem, verzweifeltem Leben zu erfüllen.

Im schönen Schein nimmt der erfüllte Augenblick Gestalt an; aus einer Eingebung wird, wie es Ulrich, die Hauptfigur in Robert Musils Roman "Mann ohne Eigenschaften" beschreibt, eine Idee - und eine Perspektive: "Denn eine Idee: das bist du; in einem bestimmten Zustand. Irgend etwas haucht dich an; wie wenn in das Rauschen von Saiten plötzlich ein Ton kommt; es steht etwas vor dir wie eine Luft-Spiegelung; aus dem Gewirr deiner Seele hat sich ein unendlicher Zug geformt, und alle Schönheiten der Welt scheinen an seinem Wege zu stehn. Das bewirkt oft eine einzige Idee. Aber nach einer Weile wird sie allen anderen Ideen, die du schon gehabt hast, ähnlich, sie ordnet sich ihnen unter, sie wird ein Teil deiner Anschauungen und deines Charakters, deiner Grundsätze oder deiner Stimmungen, sie hat die Flügel verloren und eine geheimnisvolle Festigkeit angenommen . . ."

Glückliche Heimsuchung

Eine Stimmung: auch das kann der schöne Schein sein; eine Stimmung, die Konturen gewinnt und Haltung annimmt in der Zeit. Die uns bestimmte Zeit des schönen Scheins, Episoden allesamt des nicht ganz einwandfreien Gelingens und eines fast verspielt anmutenden Scheiterns, dürfen wir, wenn’s denn gut kommt, wie eine glückliche Heimsuchung empfinden, deren Ende, wie alles im Leben, absehbar bleibt. Erinnerungen, in denen das Gewesene oft anders erscheint, als es war, lassen manches Hochgefühl im Nachhinein tief fallen; solche Retrospektiven ändern nichts daran, dass eine Stimmung, die aus der Helle des Mittags kommt und sich einhaust in ihrer Zeit, um den Bestand nicht mehr fürchten muss.