Der schöne Schein lässt allemal durchblicken, was formidabel war und doch sehr vergänglich. Es ist ein seltsam gutes Leben, von dem er kündet, aber auch die reine Abenteuerlust, die das Unbekannte will, um mit dem Bekannten vertraut zu bleiben. Wer eine Zeit des schönen Scheins hat, der mag sich vorkommen wie ein Entdecker, der in die Fremde aufbricht, um dann doch nur, nach glücklicher Irrfahrt, am vertrauten Gestade zu landen; in der Helle des Mittags stehen die Dinge still, aber es wächst auch der Bekennermut, den man nicht unterschätzen sollte, denn, einmal befeuert, kann er sich auswachsen bis hin zur Wahrheitswut.

Sehnsuchts-Gedicht

Als Lebens- und Kunstform hat der schöne Schein etwas mit der Sehnsucht zu tun, die unser Leben begleitet; von ihr, die sich glücklich schätzen darf, weil sie stark ist und alt genug, um schwach zu sein, erzählt Octavio Paz in seinem großen Gedicht "1. Januar", das zugleich - so als sei’s für immer - anklingen lässt, was eine Zeit bedeutet, die das Noch-Nicht-Dagewesene findet und das Schöne erscheinen lässt:

"Die Türen des Jahres öffnen sich,/ wie die der Sprache,/ dem Unbekannten entgegen./ Gestern sagtest du mir: Morgen/ gilt es, ein paar Zeichen zu setzen,/ eine Landschaft zu skizzieren, einen Plan zu entwerfen/ auf der Doppelseite/ des Papiers und des Tages./ Morgen gilt es,/ aufs neue,/ die Wirklichkeit dieser Welt zu erfinden./- Spät erst öffnete ich die Augen./ Im Bruchteil einer Sekunde/ empfand ich dasselbe wie der Azteke,/ der lauernd/ auf der Felsklippe des Vorgebirges/ aus den Spalten des Horizonts/ die ungewisse Rückkehr der Zeit erwartet./ - Nein, das Jahr war zurückgekehrt./ Es füllte das ganze Zimmer,/ betastbar für meine Blicke./ Die Zeit hatte, ohne unsere Hilfe,/ in der gleichen Ordnung,/ wie sie auch gestern galt,/ Häuser in die leere Straße gestellt,/ Schnee gelegt auf die Häuser,/ und Schweigen auf den Schnee/
. . . - Du warst an meiner Seite,/ und ich sah dich, wie den Schnee,/ schlafend zwischen den Erinnerungsbildern./ Die Zeit erfindet, ohne unsere Hilfe,/ Häuser, Straßen, Bäume,/ schlafende Frauen./ - Wenn du die Augen öffnest,/ werden wir uns erneut bewegen/ zwischen den Stunden und ihren Erfindungen./ Werden uns bewegen zwischen den Erscheinungsbildern,/ werden der Zeit vertrauen und ihren Verbindungen./ Vielleicht werden wir die Türen des Tages öffnen./ Dann werden wir das Unbekannte betreten."