Was sich um die Geburt Jesu abspielte, ist historisch ebenso wenig fassbar wie andere biblische Berichte, ob aus dem Alten oder dem Neuen Testament. "Man kann die Bibel wörtlich nehmen oder man kann sie ernst nehmen", hat der jüdische Religionsphilosoph Pinchas Lapide einmal erklärt. Es ist möglich, die Texte rational zu zerpflücken oder sich von den starken Bildern berühren zu lassen. Vielleicht hat unser "postfaktisches Zeitalter" für diese Sicht sogar mehr Verständnis als frühere Epochen. Wesentlich sind dann eben nicht die historischen Fakten, sondern die Botschaften, die zum Ausdruck gebracht werden sollen. Und eine dieser Botschaften vermittelt, was Weihnachten betrifft, ein zu diesem Fest in den Kirchen vorgetragener Text des Propheten Jesaja: "Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes."

Ein Fest zunehmend
ohne religiöse Deutung

In einer Gesellschaft, die zu einem großen Teil den Glauben da-ran verloren hat, in Jesus Christus den Sohn Gottes und Erlöser der Welt zu sehen, werden christliche Feste zwar weiter begangen, aber zunehmend ohne religiöse Deutung. Das Schenken, das zu einem schönen Brauch geworden ist, wobei es Christen mit dem Gottesgeschenk Jesus verbunden haben, stellt heute für viele den Hauptinhalt von Weihnachten dar.

Dazu kommen gutes Essen und Trinken im Familienkreis. Punschstände und Christkindlmärkte, festlich beleuchtete Straßen, Einkaufstempel mit einschlägiger Musikberieselung, rote Zipfelmützen und überreich behängte Nadelbäume haben das Kind in der Krippe an jenen Rand gedrängt, an dem es wohl auch vor 2000 Jahren geboren wurde.

Der religiöse Zugang zu solchen Festen ist nicht zufällig geschwunden. Wer sich des vielen Unheils bewusst ist, das oft von Vertretern der Religionen ausgegangen ist, darf angesichts der Jesaja-Stelle sehr wohl skeptische Fragen stellen: Wo sehen denn alle Gottes Heil? Was haben 2000 Jahre Christentum schon bewirkt? Warum setzt sich das nach christlicher Auffassung Gute nicht durch? Warum schauen die Christen nicht "erlöster" aus?

Eine mögliche Antwort lässt sich aus dem zu Weihnachten gelesenen Prolog des Johannes-Evangeliums herauslesen: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." Schon Jesus selbst ist gescheitert und wurde ans Kreuz geschlagen. Aber die junge Kirche ist gewachsen und hat seine Lehren weltweit verbreitet. Und niemand kann bestreiten, dass das nicht immense gesellschaftliche Auswirkungen hatte - wiewohl so mancher Fortschritt, obwohl er eine urchristliche Basis hatte, gegen den massiven Widerstand der auf Machterhalt bedachten Institution Kirche erkämpft werden musste.

Wenn es um die Macht geht - aber genau um die sollte es Christen, wenn sie an das Kind in der Krippe denken, nicht gehen -, lassen sich auch religiös gesinnte Menschen leicht korrumpieren. Sie gehen dann, wobei sie sich im schlimmsten Fall auch noch darauf berufen, "im Namen Gottes" zu handeln, besonders gewalttätig und rücksichtslos vor. Die Beispiele dafür in der Weltgeschichte sind zahllos - und sie fallen auf die Religionen zurück, mögen auch jene Christen, die eine Blutspur durch die Geschichte gezogen haben, und jene Muslime, die sich heute dem Terror verschrieben haben, gar nicht verdienen, als religiöse Menschen bezeichnet zu werden. Faktum ist, dass weltweit momentan die Christen am meisten unter Verfolgung aus religiösen Gründen leiden.

Man könnte nun natürlich auch die Gegenfrage stellen: Was haben denn die vielen rein irdischen Heilslehren bewirkt? Wo gab es denn Ansätze zum "Paradies auf Erden"? Tragen wir nicht beispielsweise heute noch schwer an den Folgen jener Zeit, in der am meisten "Heil" gebrüllt wurde?

Führen uns nicht viele Ereignisse und Entwicklungen vor Augen, dass der Mensch nie imstande ist, die perfekte "heile" Welt zu schaffen, sondern dass mit vielen seiner Errungenschaften auch neue Gefahrenpotentiale verbunden sind? Wenn es von Jahr zu Jahr unsicherer wird, ob wir "White Christmas" und "Sleighbells in the Snow" nicht nur besingen, sondern auch erleben dürfen, begreifen mit der Zeit vielleicht alle, dass es die Klimaerwärmung wirklich gibt und dass der Mensch entscheidend zu ihr beiträgt.

John Lennon stellt in seinem Weihnachtslied die Frage, was jeder von uns getan hat. Denn Weihnachten liegt am Ende des Kalenderjahres. Da werden Jahresbilanzen gezogen. Blicken wir nüchtern auf 2016 zurück, so wird uns auf der politischen Ebene wenig einfallen, was Grund zur Hoffnung gibt. Für Österreich ist eine nach mehreren Anläufen - Wort des Jahres: Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung - geglückte Kür eines neuen Staatsoberhauptes noch kein echtes Erfolgserlebnis.

Zahlreiche Entwicklungen geben Anlass zu großer Sorge: In Europa sind es der Vormarsch des Nationalismus und der mit dem "Brexit" spürbar gewordene Niedergang der Europäischen Union, weltweit ist es der zunehmende Ruf nach dem "starken Mann" - mag er nun Trump oder Putin, Erdogan oder Duterte heißen.

Nicht nur die Werte der Reli- gion, auch jene des Humanismus und der Aufklärung, die man oft als Überwinderin der Religion angesehen hat, sind heute bedroht.

Man rufe sich nur jenes berühmte Zitat des französischen Rechtsphilosophen Montesquieu in Erinnerung, das sich im 18. Jahrhundert gegen einen Nationalismus richtete, wie wir ihn heute wieder erleben müssen: "Wüsste ich etwas, das zwar nützlich für mich sein könnte, aber schädlich für meine Familie, so würde ich es mir aus dem Kopf schlagen. Wüsste ich etwas, das zwar nützlich für meine Familie sein könnte, aber schädlich für meine Nation, so würde ich mich bemühen, es zu vergessen. Und wüsste ich etwas, das zwar meiner Nation nützlich sein könnte, aber schädlich für Europa und die Menschheit wäre, so würde ich es als ein Verbrechen ansehen."