Gespaltene Gesellschaft als Herausforderung

Wenn sich heute eine gespaltene Gesellschaft zeigt - Frauen, Städter, Gebildete und Optimisten entscheiden politisch mehrheitlich anders als die Mehrheit der Männer, der Landbevölkerung, der weniger Gebildeten und der Pessimisten -, stellt das eine große Herausforderung dar. Sollten nicht gerade die "Menschen guten Willens", die es sicher in allen Bevölkerungsgruppen gibt, diese Herausforderung annehmen und an neuen Brücken bauen? In einem neuen Weihnachtslied heißt es: "Hoffnung ist da, von Gott anvertraut. Was auch geschah, die Brücke ist gebaut!"

Man muss nicht unbedingt die christliche Überzeugung teilen, dass Weihnachten die Inkarnation Gottes in die Menschheit, den Brückenschlag vom Himmel zur Erde markiert. Sowohl als Christ als auch als reiner Humanist kann man sich um einen Brückenschlag zwischen den vielen Menschen bemühen, die einander mit Unverständnis, ja sogar mit Feindseligkeit gegenüberstehen.

Voraussetzung ist freilich ein Mindestmaß an Toleranz, denn mit völlig intoleranten Menschen - mag diese Intoleranz nun auf religiösem oder politischem Fanatismus oder sonstiger Engstirnigkeit beruhen - kommt in der Regel kein echter Dialog zustande.

Ein weihnachtliches Thema kennzeichnet sehr gut, wo heute eine wesentliche Trennlinie in unserer Gesellschaft verläuft: das Herbergssuchen. Maria musste ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen, weil in der Herberge kein Platz war. Die ländliche Tradition führt sehr anschaulich vor Augen, wie die hartherzigen Wirtsleute von Bethlehem in Judäa dem Paar aus Galiläa die Aufnahme verweigerten. Die Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik in Europa - am liebsten "Weiter um ein Haus" oder "Zurück an die EU-Grenze" (also nach Griechenland oder Italien) - sind greifbar.

Diese Politik mag einige logische Gründe haben, christlich oder human ist sie nicht. Entscheidend dafür sind wohl in erster Linie Ängste: einerseits die Ängste der Regierenden vor der rechtsgerichteten Opposition, anderseits die von diesen Rechtspopulisten ständig geschürten Ängste der Bevölkerung vor kriminellen, die eigene Kultur bedrohenden Ausländern.

Immer wieder verstellt auch das Handeln von Menschen, die sich als Christen deklarieren, den Blick auf das Heil. Mit Sorge um das Abendland wird unchristliches Handeln begründet. Wer sich am barmherzigen Samariter der Bibel orientiert, erhält die abwertend gemeinte Bezeichnung "Gutmensch".

Wenn es lange üblich war, das Heil ängstlich zu hüten, zu verkünden, dass es außerhalb der Kirche gar nicht vorhanden sei ("Extra ecclesia nulla salus"), und damit gewisse Feindbilder aufzubauen, so entsprach das nicht der Weihnachtsbotschaft. Nicht durch Ausgrenzung und Abgrenzung kommt das Heil. Alle Welt soll es "schauen", alle sind dazu berufen. Entscheidend sind, so der Apostel Paulus im Brief an Titus, nicht die Werke, sondern die Gnade Gottes. Zu guten Werken sind sowohl gläubige als auch human denkende Menschen "guten Willens" befähigt.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen"

Weihnachten ist ein Fest, das Zuversicht geben soll - für das nächste Jahr und darüber hinaus. Es berührt noch heute, mit welchem Gedicht ein gläubiger Mensch, der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, in NS-Gefangenschaft das Jahr 1945, in dem er hingerichtet wurde, begrüßt hat:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen / behütet und getröstet wunderbar / so will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr / . . . von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag."

Mit den am Ende seines Weihnachtsliedes geäußerten Wünschen von John Lennon und seinem Hoffen auf ein Jahr ohne Ängste sollten sich sowohl gläubige als auch rein humanistisch eingestellte Menschen identifizieren können: "Eine sehr fröhliche Weihnacht und ein glückliches Neues Jahr. Lasst uns hoffen, dass es ein gutes wird, ohne irgendeine Angst. Der Krieg ist vorbei, vorbei, wenn ihr es wollt. Der Krieg ist vorbei, jetzt . . ."

"A very merry Christmas / and a happy New Year / Let’s hope it’s a good one / without any fear / War is over / over, if you want it / War is over / now . . .