Offene Fragen

Warum wurden diese Tiere gehalten und gepflegt? Könnte es der Versuch gewesen sein, sie zu domestizieren? Die Zähmung von Tieren erfolgt über genetische Kaskaden und nicht über Training, also Lernen. Nicht alle Tierarten sind zur Domestikation geeignet. Hirsche und Rehe zeigen ein starkes Territorialverhalten während der Brunft, das nicht wegselektiert werden kann, wie es beim Rentier funktioniert hat. Welche Aufgaben hatten die Stillfrieder Tiere zu erfüllen? Handelte es sich vielleicht um die Haltung von Lockwild für die Jagd?

Wie der Name schon sagt, lockt dieser tierische Jagdhelfer, vor allem während der Paarungszeit, seine Artgenossen in die Nähe des Jägers. Dieser konnte so das entsprechende Wild leichter erlegen. Allerdings ist es nicht nötig, sich deshalb im großen Stil Wildtiere zu halten und zu züchten, wie das in Stillfried der Fall war. Und warum wurden Wölfe und Füchse gehalten?

Der Aufwand für die Haltung dieser Tiere war enorm. Ein Wolf frisst im Jahr bis zu sechs Ochsen. Zur Haltung von zehn Hirschen sind etwa zehn bis 12 Tonnen Trockenfutter jährlich notwendig. Die Futterreste mussten von den Betreuern dann noch entsorgt werden. Was bei Pflanzenfressern einfach war, wurde bei Fleischfressern zum Nervenkitzel. Eine Person kletterte in die Grube zum Wolf oder zum Fuchs, um die Fäkalien und die Futterreste einzusammeln. Aus der eigenartigen Abnutzung der Zähne der Fleischfresser kann angenommen werden, dass sie mittels eines Stockes mit Schlinge oder einem Holzgitter fixiert wurden, während in ihrer Grube gearbeitet wurde. So konnten Wölfe und Füchse auch zur Paarung zusammengebracht werden.

Warum nahmen die Menschen diese Arbeit der Wildtierhaltung auf sich, fern jedes ökonomischen Nutzens? Welchen Beweggrund hatten die maßgeblichen Personen in Stillfried, der Gemeinschaft diesen beträchtlichen Aufwand der Errichtung und Betreuung einer derartigen Menagerie aufzubürden? Eine Erklärung ist, dass die Tierhaltung aus religiösen Gründen geschah. Dass Tiere als Stellvertreter der Götter angesehen werden, kennen wir unter anderem aus dem alten Ägypten.

Die Katze, als ägyptische Gottheit, ist uns allen bekannt. Ein Motiv ist, dass die Tiere gehalten wurden, um den Göttern geopfert zu werden, oder die Menschen fühlten sich den Göttern durch die Anwesenheit der Tiere näher. Das Huhn wurde lange Zeit nur aus Prestigegründen und für den Kult gehalten, bevor es ökonomisch verwertet wurde. Hirsche wurden von Kaiser Aurelian 274 n. Chr. bei seinem Triumphzug eingespannt und danach Jupiter geopfert.

Inwiefern sich eine Gottheit über das Opfer von altersschwachen, missgebildeten, kranken Tieren, wie sie in Stillfried gefunden wurden, freut, sei dahingestellt. Eine andere Möglichkeit ist, dass die Tiere aus denselben Gründen wie in der Neuzeit gehalten wurden, nämlich, um Aufmerksamkeit zu erregen und das Ansehen des Besitzers zu mehren.

Herrschaftliche Menagerien sind seit dem Mittelalter belegt. Ab dem 15. Jahrhundert ist die Haltung heimischen Wildes als Wildbretvorrat im Wiener Stadtgraben, ab 1513 die Haltung exotischer Wildtiere, auch Löwen, im Bereich der Hofburg und ab 1542 im Burggraben belegt. Der Tiergarten Schönbrunn wurde 1752 gegründet, die barocken Wolfskäfige hatten die Dimension der Stillfrieder Gruben.

Es kommt immer wieder vor, dass historische Wildtierskelette in einem Stück gefunden werden, so zum Beispiel in Langenzersdorf bei Wien eine Hirschbestattung. Der alte Hirsch hatte eine schlecht ausgeheilte Wirbelfraktur und eine Knochenwucherung am Brustbein, infolgedessen eine Gefangenschaftshaltung angenommen wurde. Eine so intensive Wildtierhaltung wie in Stillfried bleibt in Europa aber einzigartig.

Keine Schlachtspuren

Bei keinem der Tiere ist eine sichere Todesursache festgestellt worden. Ein Wolf dürfte an Altersschwäche verstorben sein, aber die anderen? Möglich ist, dass sie so getötet wurden, dass es keine Spuren am Knochen hinterlässt - nämlich durch Schächten. Oder sie sind verhungert, verdurstet, erfroren, vergiftet worden, an Krankheiten oder bei Unfällen gestorben. Fest steht, keines der gefundenen Tiere zeigt Schlachtspuren, und das, obwohl die Bevölkerung zeitweise Hunger litt. Die Zahl dieser Tiere ist jedoch viel zu gering, als dass man damit eine Zucht bzw. Vermehrung erfolgreich hätte durchführen können.

In Stillfried liegt noch viel verborgen; vielleicht lässt sich das Rätsel um die Gründung und den 200-jährigen Bestand des ältesten Tierparks Europas nie lösen. Eine ausführliche Darstellung der Forschungsergebnisse wird demnächst im Verlag der Akademie der Wissenschaften erscheinen.