Mit dieser These und zahlreichen Bezügen zu postmodernen Philosophen wie Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Jacques Lacan oder Paul Virilio traf Sokal den Geist der Zeit - und noch mehr die Erwartungen seiner Herausgeber. Sie druckten den Text ab, der wie geschaffen schien, das große postmoderne Dogma vom Fehlen einer festen Realität endlich auch naturwissenschaftlich zu untermauern, noch dazu mit Bezug auf die damals gerade so schicke Quantenphysik.

Dekonstruierte
Mathematik

Sokal gibt sich alle Mühe: Sogar die Mathematik rückt er in das Reich des Vagen, Multirealen. "Die Mainstream-Physik des Westens hat ihre Erkenntnisse seit Galileo in der Sprache der Mathematik formuliert", schreibt er und stellt dann die Frage: "Aber um wessen Mathematik handelt es sich dabei?" Um eine kapitalistische, patriarchale und militaristische, antwortet er, um am Ende des Textes die Conclusio aufzustellen: "Eine befreite Wissenschaft ist ohne eine grundlegende Revision des mathematischen Kanons nicht zu erreichen." Die Begeisterung in der Leserschaft war groß. Endlich war auch die Mathematik demaskiert, dekonstruiert und ihres pseudoobjektiven Scheins beraubt.

Die große Ernüchterung kam wenige Tage später. Da bekannte Sokal, der Text sei eine Parodie gewesen: ein bunt zusammengewürfeltes Sammelsurium aus postmodernen Zitaten, um die herum er eine physikalische Theorie aufstellte, die derart widersinnig sei, dass sie von jedem durchschnittlichen Physikstudenten als unhaltbar zu erkennen gewesen wäre. Überdies habe er auch etliche logische Fehler in seine Argumentation eingebaut, die selbst Nicht-Physiker hätten merken müssen. Ganz abgesehen davon, dass er die Zahl Pi als eine Va- riable bezeichnete. Aber auch diesen Fehler, der über das Mittelschul-Niveau nicht hinausgeht, erkannten die Herausgeber nicht.

Was Sokal mit seinem Text zeigen wollte, war die für ihn beängstigende Tatsache, dass in manchen Bereichen der Wissenschaft der Jargon mehr zählt als der Inhalt. Dass viele Herausgeber bereit sind, ein Kauderwelsch zu akzeptieren, das sie nicht verstehen, solange die These eines Artikels nur mit ihren Wertvorstellungen übereinstimmt. Der New Yorker Philosoph Paul Boghossian sprach in diesem Zusammenhang von einer "Inkompetenz, die daraus erwächst, dass ideologischen Kriterien erlaubt wird, wissenschaftliche Standards so vollständig zu verdrängen, dass nicht einmal Verständlichkeit als relevant angesehen wird".

Verständlichkeit ist ein Punkt, auf den auch Bernd Mayer vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Graz verweist, wenn er danach gefragt wird, wie der unbedarfte Normalbürger echte Wissenschaft von Quacksalberei, Esoterik von Medizin trennen kann. Es sei letztlich relativ simpel, meint der Professor. Um zum Beispiel medizinisch untermauertes Wissen von Pseudowissenschaft zu unterscheiden, müsse sich der Laie bloß drei Fragen stellen: ob die Hypothese verständlich formuliert ist, ob sie prinzipiell widerlegbar ist, und ob auf uraltes Wissen oder einen Guru verwiesen wird. Fallen die ersten zwei Antworten negativ aus, die dritte aber positiv, sei es sehr wahrscheinlich, dass man einer Pseudowissenschaft aufsitze. Oder einem wissenschaftlichen Witz.

Sokals Fake-Experiment ist mit den Jahren immer wieder neu adaptiert worden. Ein eindrucksvolles aktuelles Beispiel stammt aus Deutschland. Im Dezember 2015 druckte die Zeitschrift "Totalitarismus und Demokratie" einen Text mit dem Titel "Der deutsch-deutsche Schäferhund" ab, der zuvor an der TU Berlin als Vortrag bei einer Konferenz gehalten wurde. Die Kernaussage des Textes, der ganz im Duktus der gerade höchst angesagten Human Animal Studies abgefasst wurde: Das erste Opfer der Berliner Mauer war ein Polizeihund namens Rex. Und: Die Schäferhunde, die auf der DDR-Seite der Mauer patrouillierten, seien direkte Nachfahren von Schäferhunden, die einst in nazideutschen KZs Wache schoben.

"Grenzperspektive der Wildkaninchen"

Auch bei diesem Text hätte sich jeder einigermaßen kritische Gutachter fragen müssen, ob er tatsächlich ernst gemeint sein kann. Zum Beispiel an jener Stelle, an der die Autoren menschliche Lebensjahre in Hundelebensjahre umrechnen und zu der Schlussfolgerung kommen: "Die Mauer, die menschliche Familien für zwei Generationen auseinander riss, trennte die Hundepopulationen für über 20 Generationen." Doch die Gutachter schöpften keinen Verdacht und ließen den Text zur Publikation zu, neben anderen, nicht minder skurrilen, aber offenbar ernst gemeinten Beiträgen wie zum Beispiel: "Grenzperspektive der Wildkaninchen".

Fairerweise muss man allerdings sagen: Inzwischen hat fast jede kulturwissenschaftliche Disziplin ihren "Sokal" gefunden, wenn auch nicht immer derart öffentlichkeitswirksam. Unter Germanisten kursiert zum Beispiel hartnäckig die Geschichte, die möglicherweise aber selbst ein Hoax (engl. für Jux, Scherz, Schabernack, Schwindel) ist, dass es einem findigen Studenten einmal gelungen sein soll, eine literaturwissenschaftliche Diplomarbeit über Sauerkraut in der deutschen Literatur zu schreiben, deren Literaturangaben zur Gänze erfunden waren - und damit durchzukommen.

In den USA wiederum gibt es Archäologen, die offenbar allen Ernstes die historisch abgesicherte Tatsache, dass Indianer über die Beringstraße nach Amerika kamen, nur als eine Hypothese betrachten und damit als gleichwertig zum indianischen Mythos, wonach Indianer immer schon den amerikanischen Kontinent besiedelten, weil sie einst aus einer unterirdischen Geisterwelt auf die Erde krochen.