Das berühmte Foto von Albert Einstein, als er anlässlich seines 72. Geburtstages (am 14. Mai 1951) dem Fotografen die Zunge zeigte.  - © Bettmann/gettyimages
Das berühmte Foto von Albert Einstein, als er anlässlich seines 72. Geburtstages (am 14. Mai 1951) dem Fotografen die Zunge zeigte.  - © Bettmann/gettyimages

Die Aufregung war groß: Dihydrogenmonoxid im Babybrei! Sollten Kleinkinder nicht endlich ein Recht auf unmanipulierte Nahrung bekommen?

Seit gut dreißig Jahren hält der Protest gegen Dihydrogenmonoxid an. Jedes Mal, wenn Aktivisten ausrücken, um gegen die Substanz zu protestieren, kehren sie mit Listen voller Unterschriften zurück. Doch umsonst: Dihydrogenmonoxid aus der Lebensmittelproduktion zu verbannen, ist unmöglich. Denn Dihydrogenmonoxid bedeutet in der Sprache der Chemie nichts anderes als: Wasser.

Es war ursprünglich ein klassischer Pausengag, den sich Studenten der University of California ausdachten, als sie Ende der neunziger Jahre Flugblätter gegen Dihydrogenmonoxid verteilten und ein Verbot der Substanz forderten. Schlimmes wussten sie in ihren Flyern zu berichten: Dihydrogenmonoxid sei Bestandteil des sauren Regens, in Überdosis genossen führe es zum Tod. Und: Es sei so potent, dass es selbst Eisen zersetze. Alles richtig. Der Ruf nach einem Verbot von Wasser ist dennoch eine Forderung, die an alarmistischer Absurdität kaum übertreffbar scheint.

Das später oft wiederholte Happening gegen Dihydrogenmonoxid wird gern als die Geburtsstunde des wissenschaftlichen Witzes bezeichnet, einer Textform zwischen Gag und Aktionismus, zwischen Aufklärung und Verhöhnung. In Wirklichkeit haben Wissenschafter ihr Tun allerdings seit jeher parodiert. Ein ganz frühes Beispiel liefern die berühmten Dunkelmännerbriefe, eine mit satirischer Absicht verbreitete Reihe gefälschter lateinischer Briefe aus dem Jahr 1515, mit der deutsche Humanisten die Scholastik ins Lächerliche zogen, die damals an den Universitäten noch weit verbreitet war.

Atombombe basteln



Auch die jüngere Geschichte ist reich an Beispielen: So gründete zum Beispiel der Atomphysiker Harry J. Lipkin 1955 zusammen mit dem Virologen Alexander Kohn das bis heute erscheinende "Journal of Irreproducible Results" (JIR), das frei erfundene, aber umso witzigere Forschungsergebnisse publiziert. Darin findet man unter anderem so spannende Dinge wie etwa Betrachtungen über den Einfluss von Erdnussbutter auf die Erdrotation. Den Ausgangspunkt für diese These bildet übrigens die Beobachtung, dass Brote immer auf die beschmierte Seite fallen . . .

In seinem Kern geht der wissenschaftliche Witz aber tiefer. Stets wendet er sich gegen Irrationalität, vor allem aber gegen den Wunsch, diese Irrationalität auch noch mit rationalen Argumenten begründen zu wollen. Er hat daher den Esoteriker, der seine vagen Ahnungen naturwissenschaftlich untermauern möchte, ebenso im Visier wie den Wutbürger, der aus Statistiken immer das herausliest, was er gern herauslesen will. Er verlacht den Gegner der Mainstream-Medien, der einer Meldung umso mehr glaubt, je unglaubwürdiger sie klingt, und er prangert den Scharlatan an, der anderen seine übernatürlichen Kräfte weismachen will.

Zugleich legt der wissenschaftliche Witz aber auch - und das ist seine besonders böse Seite - die fehlende Bildung jener offen, die auf ihn reinfallen. Dass in einem Al-Qaida-Quartier ein Exemplar des "Journal of Irreproducible Results" gefunden wurde, in dem beschrieben wird, wie man eine Atombombe preisgünstig in Heimarbeit bauen kann, fügt sich gut ins Bild. Dass sich die CIA in der Folge mit dem Journal beschäftigte, weil sie es für eine Bedrohung der nationalen Sicherheit hielt, ebenfalls.

"How To Build An Atomic Bomb In 10 Easy Steps", heißt der Text. Die Kosten für die Produktion eines Atom-Sprengsatzes beziffert er mit 5000 bis 30.000 Dollar, vermutlich genau das, was die Al-Qaida-Kämpfer lesen wollten. Dass der Artikel den Hinweis enthält, die Bombe könne nicht nur zur nationalen Verteidigung, sondern auch als cooler Partygag eingesetzt werden, war für Al Qaida offensichtlich kein Anlass, an seiner Ernsthaftigkeit zu zweifeln. Die CIA kam immerhin so weit ins Nachdenken, dass sie Fachleute beizog, die das Schriftstück schnell als eine Parodie erkannten.

Unfähigkeit zu zweifeln

Die Unfähigkeit zu zweifeln, sobald etwas den eigenen Wunschvorstellungen widerspricht, wird in der wissenschaftlichen Community zu Recht als ein gravierendes Hindernis für rationales Denken angesehen. Dass allerdings auch die Community selbst nicht davor gefeit ist, kritisches Fragen zu unterlassen, wenn eine Publikation den richtigen Ton trifft, hat die sogenannte Sokal-Affäre bewiesen - der möglicherweise folgenreichste Witz der Wissenschaftsgeschichte.

Dorthe Landschulz: "Urknall" (aus "Wissenschaftliche Cartoons", hrsg. v. C. Ettenauer, J. Bergmayr, Holzbaum Verlag, Wien 2016).
Dorthe Landschulz: "Urknall" (aus "Wissenschaftliche Cartoons", hrsg. v. C. Ettenauer, J. Bergmayr, Holzbaum Verlag, Wien 2016).

Im Sommer 1996 publizierte das von der Duke University Press herausgegebene sozialwissenschaftliche Journal "Social Text" einen langen Beitrag mit dem ebenso langen Titel: "Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity", auf deutsch: "Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation".

Der Autor, Alan Sokal, ist eine Berühmtheit, allerdings kein Geistes- oder Sozialwissenschafter, sondern ein hochdekorierter Physiker und Mathematiker an der New York University. In seinem Beitrag für "Social Text" behauptete er, die physische Realität sei bloß ein sprachliches und soziales Konstrukt und folgerte daraus, dass es gar keine objektive Realität geben kann, sondern bestenfalls mehrere Realitäten. Auch die Erkenntnisse der Wissenschaft, schreibt er, seien daher "alles andere als objektiv".