Verfechter solcher Thesen pflegen diese oft mit dem Hinweis zu verteidigen, die Wirklichkeit sei zu komplex, um sie nur auf eine Art und Weise zu beschreiben. Je nach dem Standpunkt des Betrachters ändere sich auch die betrachtete Wirklichkeit. Kritisch wird ein solcher Relativismus allerdings spätestens dort, wo er dazu dient, umstrittene politische oder auch moralische Entscheidungen zu rechtfertigen. Schon Sokal warnte davor. Damals nahm man ihn nicht allzu ernst.

Heute sitzt mit Donald Trump ein Mann an der Spitze der Supermacht USA, der ganz im Geiste des Relativismus den durch Menschen hervorgerufenen Klimawandel bestenfalls für eine Theorie unter vielen hält - und aus diesem Grund auch wenig Grund sieht, etwas gegen ihn zu unternehmen.

Ein völlig schräger Blickwinkel, der Unwahrscheinliches allein schon deshalb für richtig hält, weil es nicht in den Verdacht geraten kann, Teil des Mainstreams zu sein; die Unfähigkeit, das eigene Denken zu hinterfragen; der Glaube an alte Weisheiten, die im Dunkel schlummern und nur wenigen Auserwählten zugänglich sind - all das nimmt der wissenschaftliche Witz aufs Korn und wird so zu einer mächtigen Waffe der Aufklärung.

Intellektuelle
Hochstapeleien

Alan Sokal war dieser aufklärerische Impetus derart wichtig, dass er ein Jahr nach seinem Fake-Artikel in "Social Text" gemeinsam mit dem Belgier Jean Bricmont ein ganzes Buch zum Thema nachreichte. Es erschien unter dem französischen Titel "Impostures Intellectuelles" ("Intellektuelle Hochstapeleien") und wurde dann in mehrere Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche, wo es als "Eleganter Unsinn" in die Buchhandlungen kam.

Die Vorwürfe, die Sokal in diesem Text vor allem den Vertretern der Postmoderne macht, sind heftig: Sie referieren weitschweifig naturwissenschaftliche Theorien, ohne sie auch nur ansatzweise zu verstehen; sie eignen sich Fachbegriffe anderer Gebiete an, bloß um Eindruck zu schinden; sie stellen Halbbildung zur Schau, und sie verwenden bedeutungslose Schlagworte, schreiben völlig bedeutungslose Sätze.

So viel Kritik an der Wissenschaft ist natürlich nicht unproblematisch. Unter Umständen bestärkt sie gerade jene in ihrem Vorurteil, die immer schon gewusst haben, dass Wissenschafter vom wahren Leben keine Ahnung haben und bloß unnützes Gebrabbel von sich geben. Alan Sokal weist in "Eleganter Unsinn" diese Lesart allerdings entschieden zurück: "Unser Ziel ist es nicht, Geisteswissenschafter zu verspotten, sondern den Kanon der Rationalität und der intellektuellen Redlichkeit zu verteidigen, der allen wissenschaftlichen Disziplinen eigen ist (oder jedenfalls sein sollte)."

Den wissenschaftlichen Witz wollte Sokal daher nicht als eine Selbstdemontage, sondern vielmehr als ein subversives Plädoyer für die Vernunft verstanden wissen. Eine Funktion, die er bis heute erfüllt.