Etwa fünf bis zwei Tage vor Neumond sichten wir den Erdschein wieder; diesmal aber am alten, abnehmenden Mond - und damit am östlichen Morgenhimmel. Auch die irdische Spiegelzone liegt dann weit im Osten: Für europäische Mondbeobachter zählen ganz Asien, der Malaiische Archipel und Australien dazu; im Winter auch der Osten Afrikas. Vom Mond aus betrachtet, dominierte der Indische Ozean die Erdscheibe.

Wie der deutsche Astronom Johann Heinrich von Mädler 1867 schrieb, erschiene uns der morgendliche Erdschein "lebhafter" als der abendliche: wegen der kräftiger spiegelnden Landschaften Asiens und des östlichen Afrikas. Auch für Alexander von Humboldt hing der Glanz davon ab, ob die Erde dem Mond gerade Land oder Meer zuwende: "Von den opaken Teilen der Südsee muss natürlich das Licht schwächer reflektiert werden, als von den Flächen im Inneren von Afrika, oder von Hochasien". Das betonte der weitgereiste Deutsche 1828 in seinen Berliner Kosmosvorträgen.

Schwankender Glanz


Das dunkelblaue Meer ist ein schlechter Reflektor. Dicht bewaldete Regionen spiegeln besser, Wüsten und Savannen noch mehr. Deshalb schwankt der Glanz des Erdscheins von Stunde zu Stunde. Entscheidend sind aber die Wolken. Wie jeder Flugpassagier weiß, können sie, von oben betrachtet, blendend hell sein. Deren Rückstrahlfähigkeit beträgt bis zu 90 Prozent. Weil die Wolkenbildung im Jahreslauf schwankt, ändert sich die Kraft des Erdscheins auch saisonal.

Dies erkannte bereits der As- tronom André Danjon. Er stellte ab 1926 nämlich die ersten systematischen Messungen an. Dazu verdoppelte er das Abbild des Mondes mit einem Prisma. Dann blendete er die Mondsichel im ersten Bild so weit ab, bis ihr Glanz dem aschgrauen Mondrund im zweiten Bild glich. Um die aktuelle Helligkeit des Erdscheins anzugeben, brauchte der Franzose jetzt nur noch den Grad der Abblendung zu notieren.

Mondfahrer beschrieben die Erde als "blaue Murmel". Sieben Zehntel unseres Planeten werden ja von Ozeanen bedeckt. Trotz seiner bescheidenen Rückstrahlfähigkeit verrät sich das Meer durch einen Hauch von Blau im Erdschein. Beim Auftreffen auf den Mondboden verändert sich das Lichtspektrum allerdings. So mischt sich etwas Grün ins Blau. Man könnte das Ergebnis "Türkis" nennen. Besonders farbsichtige Erdscheinbetrachter meinten, ein zartes Grün wahrzunehmen. Der Franzose Pierre Bouguer machte dafür Reflexionen an den ausgedehnten Wäldern am Orinoco oder Amazonas verantwortlich. Dieser Gedanke kam ihm, nachdem er 1741 von einer Südamerika-Expedition heimgekehrt war.

Der Vollmond beleuchtet eine Hauswand etwa so wie eine Kerze in zwei Metern Abstand. Dank ihrer Größe und der gleißenden Wolken wegen bestrahlt unsere Erde den Mondboden wesentlich forscher: nämlich mit der Kraft von mehreren Dutzend Kerzen!

Im Schein dieses "Kronleuchters" könnten schlaflose Mondbewohner unschwer Zeitung lesen - was irdischen Printmedien einen völlig neuen Leserkreis erschlösse. Das aschgraue Licht wärmt sogar ein bisschen: Dies belegten jene Hitzesensoren, die 1971 von den Apollo-15-Astronauten im Mondboden vergraben wurden.

Analogien


Je mehr Sonnenlicht die Erde zurück ins All wirft, desto weniger gelangt zu ihrem eigenen Boden. Daher ist die irdische Rückstrahlfähigkeit auch klimarelevant. Seit den Achtzigerjahren wird sie von Satelliten erfasst, mit einer räumlichen Auflösung im Kilometerbereich. Im jeweils aktuellen Erdschein sehen wir hingegen die gleichzeitige Reflexion von grob vier Zehntel der Erdoberfläche. Aus geometrischen Gründen gehen tropische Regionen stärker ins Ergebnis ein. Die polaren Gebiete fallen ihrer Randlage wegen weniger ins Gewicht.

Mittlerweile hat man rund 4000 Exoplaneten im Orbit um fremde Sterne nachgewiesen - aber praktisch alle nur mit indirekten Verfahren. Wirklich fotografieren ließen sich nur wenige Dutzend. Sofern sie nicht allzu heiß sind, leuchten die solcherart porträtierten Welten bloß im Lichte ihres Sterns.

Oberflächendetails sind nicht zu erkennen. Denn aus unserer entrückten Perspektive schrumpfen Exoplaneten zu bloßen Lichtpunkten zusammen. Dennoch ließen sich selbst solchen Pünktchen Geheimnisse entlocken. Dazu müsste man bloß die Lehren aus dem Erdscheinstudium auf sie umlegen können: Das aschgraue Licht auf dem Mond gibt mit seinen Schwankungen etwa die Rotationsdauer der Erde preis, die grobe Verteilung ihrer Kontinente und das Wechselspiel der Wolkenbedeckung. Ähnliche Rückschlüsse wären auch bei exoplanetaren Lichtpunkten möglich - sofern deren Glanz deutlich genug variiert.

Mehr noch: Irdische Pflanzen reflektieren das Sonnenlicht stark im nahen, fotografisch erfassbaren Infrarot. Daher machen sich die Wälder am Amazonas im Erdschein mit einem ganz charakteristischen Infrarotüberschuss bemerkbar. Entdeckte man derartiges im Licht eines behaglich temperierten Exoplaneten, wäre das die Sensation!