In Nepal gibt es mehr Festivals als Tage im Jahr: Hier zwei Sadhus (Pilger) während des Shivaratri Festivals im Tempel von Pashupatinath. - © Zinggl
In Nepal gibt es mehr Festivals als Tage im Jahr: Hier zwei Sadhus (Pilger) während des Shivaratri Festivals im Tempel von Pashupatinath. - © Zinggl

Bagat, eine pummelige Gestalt, trippelt auf das abgesperrte Gitter zu. Die Schritte des Nachtwärters sind klein, seine Augen schlaftrunken. Es ist vier Uhr morgens. Mein Flug landete unplanmäßig in der nepalesischen Hauptstadt, da er verschoben wurde - um zwei Stunden nach vorne. Außer der Fluglinie wusste niemand über meine verfrühte Ankunft Bescheid. Auch ich erfuhr es erst während eines stundenlangen Transits am Istanbuler Flughafen.

Bagats Pech ist mein Glück - oder umgekehrt. Er steht an der Innenseite des Gitters, das sein Hotel von der tiefschwarzen Nacht Kathmandus trennt. Ich stehe davor. Der Nachtwärter ziert sich, versucht mich höflich loszuwerden, möchte mich an das Nachbarhotel verschachern, das ebenso verbarrikadiert wie stockdunkel aussieht. Erst als er ein paar Brocken auf Englisch lallt, bemerke ich, dass Bagat sternhagelvoll ist: "No room pretty", "later come".

Wo soll ich bloß hin? Spazierengehen ist keine Option. Kathmandu schläft. Die Straßen sind menschenleer und unheimlich, ein Nachtleben aufgrund der Stromeinsparungen inexistent. Ich schlottere vor Kälte, bin hundemüde. Meine Augen schmerzen bereits, seit über zwanzig Stunden halte ich sie nun offen.

Leise brummt Bagat vor sich hin, rauft seine zerzausten Haare. "35 Dollar ok?", fragt er unsicher und verzieht die Backe. "Nein, Bagat, nicht ok", entgegne ich, halb genervt, halb schläfrig. "7 Dollar waren ausgemacht, um sechs Uhr." Beide verstummen wir. Kalte Nebelschwaden verschwimmen um uns herum. Ich sehe mehrere Schatten auf einem Hausdach: Affen, die uns beobachten. Schließlich zeigt Bagat Mitleid. "Sofa ok", murmelt er. "12:00 o’clock room".

"Ich sehe Schatten auf einem Dach: Affen, die uns beobachten . . ." - © Zinggl
"Ich sehe Schatten auf einem Dach: Affen, die uns beobachten . . ." - © Zinggl


Erleichtert blicke ich Bagat nach, der in das Hotel schlendert, um den Schlüssel für das Gitter zu holen. Die Hosenbeine seiner Jeans, die ihm zwei Nummern zu groß sind, schleifen auf dem Boden. "Mein Held", denke ich - und ein stiller noch dazu! Ich richte eine geistige Notiz an mein Gehirn, die vielleicht wichtigste Lektion für dieses Land: "Alles geht! Immer! Irgendwie!"

Dass ich diese Lücke im nepalesischen System noch öfters brauchen würde, war mir damals nicht bewusst. Dass das Sofa im Freien steht und ich es mir mit Bagat teilen muss, der sich im Schlaf immer wieder über seine kleinen Fürze erheitert, allerdings auch nicht. Egal, ein Kompromiss, mit dem ich leben kann. Zweite Lek-
tion: "Nepalesen sind gastfreundliche und herzensgute Menschen!"

Um sieben Uhr reißt uns ein Hupen aus dem Schlaf. Laut und penetrant, dafür nicht eintönig, sondern melodisch, wie eine Musik, die an Jahrmärkte erinnert und die immer gleiche Botschaft vermittelt, sodass ein bitterer Ohrwurm zurückbleibt: "Willkommen in Kathmandu!"

"Wasser", brabbelt Bagat, erhebt sich aus unserem gemeinsamen Nachtlager und eilt zum Gitter. Kurz darauf startet ein Generator und pumpt mehrere tausend Liter aufbereiteten Wassers aus einem Tankwagen in das hoteleigene Reservoir. Das gesamte Viertel muss von diesem lärmenden Spektakel erwachen, denke ich. Aber nein, hier ist das normal. Dritte Lektion, um in Nepal nicht durchzudrehen: "Über nichts wundern!" Es sollten noch viele solcher Lektionen folgen.

Für seine im vergangenen Jahr im "extra" der "Wiener Zeitung" erschienene Reportage über eine Leprastation in Nepal erhielt Autor Martin Zinggl (l.) kürzlich den Anerkennungspreis der Wiener Ärztekammer 2016 überreicht (von Mediensprecher Hans-Peter Petutschnig). - © Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig
Für seine im vergangenen Jahr im "extra" der "Wiener Zeitung" erschienene Reportage über eine Leprastation in Nepal erhielt Autor Martin Zinggl (l.) kürzlich den Anerkennungspreis der Wiener Ärztekammer 2016 überreicht (von Mediensprecher Hans-Peter Petutschnig). - © Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig

Nepal ist ein Land der Gegensätze, wie die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Das bedeutet stundenlange und qualvolle Autofahrten, die mit malerischen Naturschönheiten belohnt werden. Das bedeutet Spontaneität und starre Bürokratie. Bittere Armut und großer Reichtum. Gastfreundlichkeit und Rücksichtslosigkeit. Desinteresse und neugierige Beobachtungen. Politische Instabilität und Zufriedenheit. Künstliche Hektik und Lethargie. Köstlichkeiten und mangelnde Hygiene. Schlichtheit und Pomp. Umweltschutz und Zerstörungswahn. Toleranz und Rassismus. Desaster und Kreativität.

Ich könnte ständig weitere Beispiele aufzählen. Aber Gegensätze ziehen sich irgendwie an, und wenig überraschend ist Nepals stärkster Vorteil auch sein größter Nachteil: die bewundernswerte Bescheidenheit seiner Bewohner, die lieber gesellig beisammen sitzen, brühend heißen Milchtee schlürfen und so tun, als ob alles in Ordnung wäre, während das Land von einer Katastrophe nach der anderen gebeutelt wird. So geschehen vor allem in den vergangenen zwei Jahren, seit an einem sonnigen Samstagvormittag, am 25. April 2015, die Erde bebte. Aber auch die weiter zurückliegende Geschichte weist schwere Lasten auf, die dieses kleine Land im Himalaya (auch heute noch) zu stemmen hat.

Zuerst Bürgerkrieg, dann Erdbeben

Erstmals bereisen wollte ich Nepal im Februar 2005. Ich hatte bereits Flugticket, Visa und Vorfreude im Gepäck, als wenige Tage vor Abflug König Gyanendra die Regierung auflöste, die Medien des Landes verwies und den Notstand ausrief. Soldaten der Armee schossen in Gruppen demonstrierender Studenten, verhafteten Politiker, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten und kappten Telefon- und Internetleitungen. Nepal befand sich am Rande eines Bürgerkrieges - wieder einmal. Ich entschied, nicht hinzufahren.