Biegt man südlich der Stadt Yatta vor dem Checkpoint rechts ab, geht es entlang der Mauer vorbei ein Beduinensiedlungen. Unweit des offiziellen Grenzkontrollpunktes eilt ein PKW durch ein Feld zur Mauer. Arbeiter steigen aus, huschen durch einen Spalt in der soliden Betonstruktur und werden auf der anderen Seite abgeholt. Weiter westlich entlang der Mauer wird das Gebirge rauer und der Weg schwieriger.

Hier laden PKWs Scharen von Arbeitern in Geländewagen der Beduinen um, die sie für eine Gebühr den Hang hinunter zu einer Stelle bringen, wo die Mauer scheinbar endet. Hinter der Mauer auf der anderen Seite rast ein Auto heran und zieht eine Staubwolke hinter sich nach. Die Arbeiter steigen ein und das Auto rast wieder davon. Dieses Szenario wiederholt sich im Minutentakt, denn die nahegelegene 65.000-Einwohner-Stadt Yatta ist der Hauptknotenpunkt für den Arbeiterschmuggel.

Yatta ist so abhängig vom israelischen Arbeitsmarkt wie keine andere Stadt in Palästina. Von rund 32.000 Erwerbstätigen in der Großregion arbeiten nur etwa 2400 vor Ort. Rund 10.000 haben eine Arbeitsgenehmigung für Israel - und mindestens ebenso viele werden monatlich über die Grenze geschmuggelt. Auch Tausende in Yatta mit Universitätsabschluss landen auf den Baustellen in Israel, weil sie der lokale Arbeitsmarkt nicht absorbieren kann. Kaum jemand geht mit 16 noch zur Schule. Wozu auch, wenn sie nach dem Bakkalaureat ohnehin in Israel am Bau landen.

Rush-Hour in der Nacht

Die Lage der Familie Abu Ali aus Yatta trifft hier auf fast alle Familien zu: Der älteste Sohn kann nach mehreren Festnahmen wegen illegaler Einreise nicht mehr nach Israel, der zweitälteste Sohn arbeitet mit Genehmigung auf israelischen Baustellen, der dritte ohne Genehmigung, und der jüngste, erst 16, wird in den Schulferien diesen Sommer das zweite Mal für zwei Monate nach Israel geschmuggelt. Dort arbeitet er sieben Tage die Woche von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends in einer Autowaschstraße. "Ohne in Israel zu arbeiten kann hier keine Familie leben", sagt der neu gewählte Bürgermeister von Yatta, Ibrahim Abu Zahra. Er wolle zwar neue Arbeitsplätze durch Erneuerungsprojekte in der Stadt schaffen, doch das werde nichts an der miserablen Lage ändern.

Yatta hat seine Rush-Hour mitten in der Nacht. Ab zwei Uhr morgens füllen sich die Straßen mit tausenden Arbeiten, die zum Checkpoint fahren, während sich die Arbeiterschaft ohne Genehmigung Samstagabend in einem regelrechten Exodus zur südlichen Grenze bewegt. Die drittgrößte Stadt des Westjordanlandes hängt völlig an Israels Nabelschnur, wobei Israel diese Abhängigkeit politisch ausnutzt: Arbeiter erzählen von Erlebnissen mit Anwerbern des israelischen Geheimdienstes, die Arbeitsgenehmigungen auf der Suche nach Kollaborateuren als Druckmittel einsetzen.

Nachdem im letzten Jahr zwei Palästinenser aus Yatta vier Israelis in Tel Aviv erschossen hatten, annullierte Israel im gesamten Westjordanland 83.000 Einreisegenehmigungen von Personen, die im Zuge des Ramadans heilige Städten oder Familienmitglieder besuchen wollten. Zudem hat Israel hunderte Arbeitsgenehmigungen in der Großfamilie der Angreifer in Yatta eingefroren.

"Wir Arbeiter können nicht über Politik sprechen. Vielleicht sage ich hier etwas und es taucht in den Medien auf. Dann heißt es, ich bin politisch aktiv und darf nicht mehr nach Israel", sagt ein Bauarbeiter aus Yatta. Schon einmal habe ihm am Checkpoint der israelische Geheimdienst "Kollaboration" angeboten, und mit dem Aussetzen der Genehmigung gedroht. "Ich habe nein gesagt - und er hat die Papiere vor mir zerrissen." Doch er hatte Glück. Sie haben ihn nicht "auf die Liste" gesetzt. Heute arbeitet er wieder regulär in Israel.

Auch der Geschäftsführer der Stadtgemeinde, Nasser Rabai, ist sich dieser prekären Abhängigkeit bewusst. "Bei Ausschreitungen, einem neuen Anschlag oder gar einer neuen Intifada werden fast alle Arbeiter hier ihren Job verlieren, wenn sie nicht mehr nach Israel können, weil die Besatzung die Tore schließt."

Während die palästinensische Arbeitskraft von Israel abhängig ist, flutet Israel den palästinensischen Markt mit seinen Produkten, wovon viele wiederum durch palästinensische Arbeit produziert werden. Gleichzeitig beschränkt die israelische Besatzung und Siedlungspolitik den Spielraum für palästinensische Produktion. Dieser Kreislauf ist nirgendwo deutlicher als im Jordantal.

Die Gandhi-Straße führt vom Toten Meer entlang des Jordantals an die Nordgrenze des Westjordantals. Sie ist nicht etwa nach Mahatma Gandhi benannt, sondern nach einem israelischen Politiker, der sich für die Zwangsumsiedlung der Palästinenser in arabische Staaten einsetzte. Entlang der Straße leben 60.000 Palästinenser, die den Großteil des wirtschaftlich nutzbaren Landes an israelische Landwirtschaftssiedlungen verloren haben. Heute müssen sie in israelischen Siedlungen als Tagelöhner auf ihrem eigenen Land arbeiten.

Das Gebiet an der Grenze zu Jordanien nimmt 30 Prozent des Westjordanlandes ein, wobei 90 Prozent als "Area C" unter voller israelischer Zivil- und Militärverwaltung stehen. Die von Israel kontrollierte Area C ist ein Produkt der Oslo-Abkommen und macht 61 Prozent des Westjordanlandes aus. Die Besatzung hat hier Land und Ressourcen für die palästinensische Wirtschaft unzugänglich gemacht, während israelische Siedlungen mit staatlichen Subventionen Profite machen.