Weil das Gebiet den Großteil der palästinensischen natürlichen Ressourcen beherbergt, könnte es der palästinensischen Wirtschaft laut einer Weltbankstudie 2,2 Milliarden US-Dollar an zusätzlicher Wertschöpfung erlauben, wenn Israel hier die Beschränkungen lockern würde.

Dass diese Option nicht unbedingt in Israels Interesse ist, wird im Jordantal deutlich. Die israelischen Landwirtschaftsbetriebe und Kosmetikhersteller am Toten Meer wollen Profite machen und brauchen dafür verlässliche palästinensische Billigarbeit. Wenn Palästinenser hier ihre eigenen Betriebe leiten könnten, würde das den Kreislauf von Beschränkung, Ausbeutung und Profit stören. Beinahe alle Erwerbstätigen, die in Dörfern neben den Siedlungen leben, pflücken Obst und Gemüse oder verarbeiten es, fast immer ohne Vertrag, unter dem Mindestlohn und ohne Versicherung.

Auch hier tragen die palästinensischen Zwischenhändler ihren Teil zum Problem bei. Auf ihrer Terrasse mit Blick über die Stadt Jericho erklärt die Palästinenserin Kifah, wie sie vor 15 Jahren selbst in einer Siedlung Gemüse pflückte und danach langsam zur Subunternehmerin wurde. Heute vermittelt sie täglich 70 Arbeiter und Arbeiterinnen an die Siedlungen. Diese verdienen 18 Euro am Tag, wovon Kifah fünf Euro "für den Transport" kassiert. Mal 70, sind das immerhin 350 Euro am Tag. Zusätzlich wird Kifah von den Arbeitgebern in den Siedlungen bezahlt. Durch ihre mittlerweile beachtliche Arbeiterschaft wurde sie jüngst sogar in den Gemeinderat gewählt.

Der Experte Abed Dari, der in Jericho wöchentlich Arbeitern in rechtlichen Angelegenheiten hilft, erklärt, warum diese Zwischenhändler im Kampf gegen Ausbeutung ein so großes Problem darstellen: "Durch sie gibt es keine direkte Verbindung zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, was deren Rechtsanspruch aushöhlt."

Obwohl das israelische Arbeitsrecht grundsätzlich gültig ist, verweisen viele israelische Firmen im Ernstfall, wie etwa bei Klagen, auf die palästinensischen Vermittler als die eigentlichen Arbeitgeber. Auch bei Unfällen ist das ähnlich: Im Jahr 2016 waren immerhin 21 der 48 in Israel tödlich verunglückten Arbeiter Palästinenser. Die Dunkelziffer der Verletzten ist weitaus höher. Die Zwischenhändler setzen ihre Arbeiter oft unter Druck, Verletzungen zu Hause anstatt in Israel behandeln zu lassen, damit der Arbeitgeber nicht zur Kasse gebeten wird.

"Schwarze Liste"

Um vor Gericht eine Chance zu haben, rät Abed Dari Arbeitern dazu, ständig Beweise zu sammeln und Fotos zu schießen. Nur zwingt eine neue Regelung Palästinenser vorab zu einer Gebühr von bis zu 750 Euro, um ihren Fall überhaupt vor ein Gericht zu bringen. Zudem erzählt Abed von einer "schwarzen Liste" der israelischen Landwirtschaftsbetriebe für all jene Palästinenser, die ihnen Probleme machen oder vor Gericht gehen. Dann kann ihnen auch Kifah nicht mehr helfen. Durch Kolonien im Westjordanland hat Israel die optimale Grundlage für Kapitalgewinnung und Ausbeutung geschaffen: Die Siedlungen sind völlig in die israelische Wirtschaft eingebunden, befinden sich aber auf palästinensischem Land und können so die lokale Arbeitskraft neben Wasser und anderen Ressourcen völlig ausschöpfen.

Dass die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland Arbeit in Siedlungen nicht anerkennt, erschwert den Kampf gegen Ausbeutung. Um nicht indirekt die Legitimität der Siedlungen anzuerkennen, lässt sie den Zwischenhändlern zu viel Freiraum. Schon einmal hatte die Behörde das Arbeiten in Siedlungen verbieten wollen, realisierte aber nach großem Aufruhr schnell, dass es dafür zuerst Alternativen anbieten muss. Letztlich ist der indirekte Zwang zur Arbeit in Siedlungen ein Resultat der Beschränkungen unter israelischer Besatzung. Die Bedingungen dieser Arbeit zu verbessern ist kurzfristig zwar wichtig, vergoldet letztlich aber nur ein verfaultes System.

Israel plant durch ein neues System von Genehmigungen den Zwischenhändlern das Monopol zu nehmen, und ist hierzu mit der Palästinensischen Autonomiebehörde in Kontakt. Wann das Projekt umgesetzt wird, bleibt jedoch unklar und wird von den politischen Entwicklungen abhängen.

Wie der Gewerkschafter Abdel Jalil Sukkar aus Qalqiliyah sagt: "In Israel zu arbeiten ist keine Lösung, es ist Teil des Problems." Dieses Problem sei die israelische Besatzung. "Ohne Lösungen müssen wir eben lernen, damit zu leben", sagt er. "Aber was ist das für ein Leben? Menschliche und wirtschaftliche Erschöpfung. Die Arbeiter haben keine Atempause. Du wachst um zwei Uhr morgens auf und siehst deine Kinder nur schlafend. Warum?"

Der Spalt in der Mauer südlich von Yatta ist Symbol für ein System wirtschaftlicher Abhängigkeit auf immer engerem Raum: Symbol für minimale wirtschaftliche Einbindung bei maximaler Kontrolle. Und je mehr die israelische Wirtschaft boomt, desto bedrückender wirkt das Elend palästinensischer Wanderarbeiter. Die Auswirkungen auf die palästinensische Gesellschaft sind dramatisch. Ein früherer Arbeiter aus Hebron, der nach mehreren Festnahmen arbeitslos zu Hause sitzt, hat seine Erschöpfung so zusammengefasst: "Wir Arbeiter sind wie eine Kerze. Je mehr sie brennt, desto schneller brennt sie ab."