Vor fünf Jahren, als die Piraten einen Höhenflug erlebten und die Enthüllungsplattform WikiLeaks mit dem moralischen Überschuss der Gerechten eine Depesche nach der anderen ans grelle Licht der Öffentlichkeit zerrte, glaubten die Netzaktivisten, dass man mit radikaler Transparenz die Arcana Imperii ausleuchten und die Hinterzimmerpolitik ein für alle Mal beenden könnte. Dieses Denken ist in eine ideologische Sackgasse geraten: WikiLeaks-Gründer Julian Assange sitzt seit fünf Jahren in der ecuadorianischen Botschaft in London fest, seine Plattform steht im Verdacht, Material zu selektieren, und der Offenheitsgedanke ist in eine "Tyrannei der Transparenz" gemündet. Als wäre es ein Treppenwitz der Geschichte, sind durch die Digitalisierung neue Arkana entstanden: In Googles PageRank-Algorithmus etwa wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit bestimmt, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit determiniert werden - und damit Herrschaft ausgeübt wird.

Dass Algorithmen opak sind, gehört mittlerweile zum Cantus firmus der Technologiekritik. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel reihte sich in den Chor der Kritiker ein und meinte bei den Münchner Medientagen: "Ich persönlich bin auch der Meinung, dass Algorithmen transparenter sein müssen, sodass interessierten Bürgern auch bewusst ist, was eigentlich mit ihrem Medienverhalten und dem anderer passiert."

Google begegnet den Forderungen nach mehr Transparenz mit dem antiaufklärerischen Argument, dass die Offenlegung des Algorithmus, der ein Betriebsgeheimnis ist, zu einem informationellen Kollaps führen würde. Spammer würden die Trefferlisten mit Müll fluten, die Nutzer würden kaum noch finden, wonach sie suchen.

Digitale Mündel

Dass Google wie auch Facebook Fake-News mit einer Software filtern wollen, offenbart nicht nur ein recht naives Verständnis von Wahrheit - als gäbe es "die eine" Wahrheit -, sondern auch ein mathematisch-reduktionistisches Verständnis der Wirklichkeit. Algorithmen sind nicht die Lösung, sondern die Ursache des Pro-blems. Erst die Automatisierung der Nachrichtenlese hat die Schleusen für Fake-News geöffnet.

"Wahr ist, was die meisten Augäpfel produziert", konstatiert der Internetkritiker Evgeny Morozov mit beißendem Spott. Man könnte auch formulieren: Wahr ist, was viral ist. Googles selbst erklärtes Ziel, "die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen", erscheint heute wie eine Chimäre, wie ein abgeschmackter Werbeslogan.

Das Wissen der Welt ist zwar mit einem Mausklick abrufbar, doch die algorithmischen Autoritäten behandeln die Nutzer wie digitale Mündel, indem sie ihnen nur informationelles Fast-Food ohne Verweis auf die Herkunft der Zutaten kredenzen.

Der niederländisch-australische Medientheoretiker Geert Lovink hat nun in einem hysterisch überdrehten Essay ("Overcoming Internet Disillusionment: On the Principles of Meme Design") für das Journal "e-flux" seine Ernüchterung zum Ausdruck gebracht. "Einmal mehr bringt Aufklärung (enlightenment) nicht Befreiung, sondern Depression. Die einst wundervolle Aura, die unsere geliebten Apps, Blogs und sozialen Medien umgab, ist verflogen. Wischen, teilen und liken fühlen sich mittlerweile wie seelenlose Routinen, leere Gesten an."

Lovinks Aufsatz liest sich wie eine Generalabrechnung mit dem großen Freiheitsversprechen der Tech-Konzerne. Doch was mehr verblüfft, ist dieser wuchtige Satz, dass er, der Intellektuelle, der sich als Vertreter der digitalen Avantgarde versteht, vom Glauben an die aufklärerische Kraft des Internets abgefallen ist.

Lovink argumentiert mit Baudrillard, dass wir im Zeitalter von sozialen Netzwerken in einer Hyperrealität lebten, in der Filmszenarios und ihre Affekte die großen Entwürfe technologischer Gesellschaften formten. Er schreibt: "Um es in räumliche Begriffe zu bringen: Der Cyberspace hat sich als ein Raum entpuppt, der ein Haus mit einer Stadt enthält, die in eine flache Landschaft zusammengebrochen ist, wo sich die kreierte Transparenz in Paranoia verwandelt. Wir sind nicht in einem Labyrinth verloren, sondern ins Offene, Beobachtete und Manipulierte hineingeworfen, ohne einen Kontrollturm in Sicht."

Es ist vielleicht dieses Hineingeworfensein in die Welt von Blogs, Foren, Unterforen und Emoji-strotzenden Facebook-Feeds, das Nutzer empfänglich für "alternative" Fakten bzw. Erzählungen werden lässt. Vor allem, weil man diese selbst kreiert. Der Wandel vom kritischen Konsumenten zum kritischen Produzenten und die damit einhergehende Erosion der Schleusenwärter habe einen Preis, nämlich die "Infla-
tion der Information", schreibt Lovink. Es ist schon paradox: Noch nie gab es so viele frei verfügbare Informationen, noch nie war die Demokratisierung des Wissens, die ja ein Hautpanliegen der Aufklärung war, so weit vorangeschritten. Und doch ist die Suche nach der Wahrheit schwer wie nie, weil sich jeder im Besitz derselben wähnt und sein eigenes erkenntnistheoretisches Gebäude zimmert.