In Dürers 1514 geschaffenem Meisterstich "Melencolia I" wird die Nacht ebenfalls von einem strahlenden Gestirn erhellt. Es ähnelt einem Kometen. Sicher ist das ein Symbol - doch wofür? Einige Betrachter werden es später mit dem Steinfall von Ensisheim in Verbindung bringen.

Vielleicht ist Dürer an der Vorbereitung der "Schedelschen Weltchronik" beteiligt. Deren Holzschnitte stammen jedenfalls von seinem Lehrer Michael Wolgemut (und dessen Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff). Den Text verfasst der Nürnberger Arzt und Historiker Hartmann Schedel. Er schildert darin die Geschichte der Welt, von der Schöpfung bis zum Druckjahr 1493. Danach folgt eine Vorschau auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht.

Den Ensisheimer Donnerstein kann Schedel gerade noch in seine Chronik aufnehmen. Als Quelle dient ihm Brants Flugblatt. Im Anschluss ist noch von "viel kriegerischer Aufruhr" zwischen Maximilian und Karl VIII. die Rede; der Streit sei 1493 aber mit "gütlich Vertrag hingelegt" worden. Tatsächlich beendet der Vertrag von Senlis den Burgundischen Erbfolgekrieg.

Goethes Skepsis

Im Dreißigjährigen Krieg wird Ensisheim mehrmals schwer verwüstet. Der im Kirchenchor hängende Stein übersteht die Wirren. 1793, zur Zeit der Französischen Revolution, entführt man ihn ins nahe Colmar. Dort werden neuerlich Stücke abgeschlagen.

Im Zeitalter der Aufklärung glauben die Gelehrten nicht mehr an das Herabstürzen von Steinen aus dem Himmel. Schließlich beteuert das abergläubische Volk ja auch, es habe Milch, Blut, Fleisch, Quecksilber oder Geldmünzen regnen sehen. Manche der angeblichen "Luftsteine" werden nun aus den Sammlungskabinetten verbannt. Auch Johann Wolfgang von Goethe teilt diese skeptische Haltung zunächst. Er hat den Ensisheimer Stein 1771 selbst gesehen.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts zeichnet sich ein neuerliches Umdenken ab: 1794 vergleicht der Deutsche Ernst Florens Chladni verschiedene Berichte über die Fallumstände und das Antlitz von Donnersteinen. Zwischen 1800 und 1803 gelingen zum ersten Mal aussagekräftige chemische Analysen solcher Objekte; auch sie finden Gemeinsamkeiten. Außerdem kommt es 1794 in Siena und 1803 in L’Aigle zu wahren Steinregen - vor tausenden Augenzeugen.

1803 kehrt auch der Ensisheimer Stein in die Pfarrkirche zurück. Chladni inspiziert ihn dort, drei Meter über dem Kirchenboden. Elf Jahre später erscheint der dritte Teil von Goethes Autobiografie. Der blickt auf den seinerzeitigen Besuch in Ensisheim zurück und lässt den Meinungswandel erkennen, der sich seither vollzogen hat:

"In Ensisheim sahen wir den ungeheuren Aerolithen in der Kirche aufgehangen und spotteten, der Zweifelsucht jener Zeit gemäß, über die Leichtgläubigkeit der Menschen, nicht vorahnend, dass dergleichen luftgeborene Wesen, wo nicht auf unsern eignen Acker herabfallen, doch wenigstens in unsern Kabinetten sollten verwahrt werden."

Dass Steine tatsächlich vom Himmel herabstürzen können, ist jetzt allgemein anerkannt. Umstritten bleibt zunächst aber noch die Genese solcher Objekte. Für Chladni sind sie im All entstanden. Er wird damit Recht behalten.

Auf 56 kg abgemagert

Als die Ensisheimer Pfarrkirche 1854 teilweise einstürzt, holt man den Stein ins Gemeindeamt. Es ist im Regentschaftsschloss untergebracht. Das Bauwerk stammt aus dem 16. Jahrhundert und beherbergt heute das Musée de la Régence. Dessen größter Schatz ist - natürlich - der alte Donnerstein. Er wiegt jetzt kaum noch 56 kg und besitzt den Durchmesser einer Langspielplatte. Eine eigene Leibgarde bewachte ihn bis vor kurzem.

Das historisch überaus wertvolle Exponat geht selten auf Reisen. 2013 sah man es ganz kurz in Wien, und zwar im Naturhistorischen Museum. Das hat natürlich schon lange zuvor mehrere kleinere Stücke dieses Steinmeteoriten besessen.

Sein Fall ist bestens dokumentiert; ebenso blieb analysierbares Material vorhanden. "Ensisheim" ist der älteste Meteorit Europas, der diese beiden Bedingungen erfüllt. Auf der ganzen Welt macht ihm da bloß einer Konkurrenz: der Meteorit Nogata. Er landete am 19. Mai 861 auf der japanischen Insel Kyushu.

Natürlich kennt man heute zigtausende Meteorite, die bereits vor "Ensisheim" und "Nogata" herabgestürzt sind - allerdings undokumentiert. Bei der Datierung helfen Isotopenmessungen weiter. Manchmal mit verblüffenden Ergebnissen: So fiel der Schweizer Eisenmeteorit Twannberg schon vor 165.000 Jahren! Und die fossilen Meteorite aus dem südschwedischen Thorsberg-Steinbruch trafen sogar vor 470 Millionen Jahren auf Erden ein. Ohne Fallbericht, versteht sich.