"In der Renaissance erhebt sich in Italien mit voller Macht das Subjektive, der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches", schrieb der Historiker Jacob Burckhardt in seinem Standardwerk "Die Kultur der Renaissance in Italien".

Mit dieser Hinwendung zum Individuellen vollzog sich der Epochenbruch zum "dunklen Mittelalter". Im Mittelpunkt standen nicht mehr metaphysische Spekulationen, die auf Gott und das Jenseits gerichtet waren, sondern der Mensch, der sein Leben entwirft und dafür verantwortlich ist.

Der freie Wille

In seiner Rede über "Die Würde des Menschen" beschrieb der humanistische Philosoph Pico della Mirandola eindrucksvoll die Stellung des Menschen, die ihm der göttliche Schöpfer verlieh: "Ich habe dir, Adam, weder einen bestimmten Platz noch irgendeine Aufgabe übertragen, damit du, nach eigener Bewertung und Überlegung, erlangen und bewahren sollst, welchen Platz, welche Aufgabe immer du begehrst. Du sollst sie dir selbst festsetzen, von keiner Schranke gezwungen, nach eigenem freien Willen, in dessen Macht ich dich übergebe."

Der Mensch hat die Möglichkeit, seine Existenz selbst zu gestalten. Er zeichnet sich durch die Freiheit aus, sein Leben nach eigenen Maßstäben zu gestalten; als Maxime gilt: "Du kannst alles, was du willst".

Die Konzentration auf das menschliche Subjekt war Teil einer breiten Bildungsbewegung, die auf antike Vorstellungen zurückgriff. Davon zeugen Texte zur Ethik, Pädagogik, Anthropologie und zum Staatswesen, die von unterschiedlichen Autoren stammen: von den italienischen Frühhumanisten Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio; von den in Florenz tätigen Neuplatonikern Marsilio Ficino und Pico della Mirandola oder von den Späthumanisten Giordano Bruno und Michel de Montaigne.

Die Renaissance-Humanisten erhofften sich eine optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend. Die humanistische Bildung sollte den Menschen befähigen, seine wahre Bestimmung zu erkennen und durch die Nachahmung klassischer Vorbilder ein ideales Menschentum zu verwirklichen - "als freierer und würdigerer Schöpfer und Bildner seiner selbst". Das Individuum hat laut Pico della Mirandola die Wahl, seine triebhafte Animalität auszuleben oder sich zu einem göttlichen Wesen emporzuheben. Trotz der Subjektzentrierung sind die humanistischen Philosophien der Renaissance keineswegs ein monolithisches Gebilde, sondern vielmehr ein Patchwork von unterschiedlichen, manchmal konträren philosophischen Positionen.