Der in Münster lehrende Philosoph Thomas Leinkauf hat kürzlich eine zweibändige, beinahe zweitausend Seiten umfassende Studie "Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance (1350-1600)" vorgelegt, in der er - wissenschaftlich akibisch - die Fülle und Vielfalt einer Epoche präsentiert, die heute wenig bekannt ist, jedoch zahlreiche oriinelle Denkanstöße gegeben hat.

In den beiden voluminösen Bänden legt Leinkauf nicht nur eine eindrucksvolle, an Materialfülle und Gelehrsamkeit kaum zu übertreffende Darstellung verschiedener humanistischer Philosophien vor, sondern thematisiert auch die Kultur- und Sozialgeschichte dieser Epoche; speziell die Überzeugung, dass der Mensch die Fähigkeit habe, alles wissen zu können und mit einer unbegrenzten Forschungs- und Erfindungskraft ausgestattet sei.

Forschungsdrang

Die Entdeckung der außereuropäischen Welt durch wagemutige Schiffsexpeditionen, die Entdeckung der Planeten durch das Fernrohr und der Buchdruck, mit dem eine mediale Revolution begann, waren einige Resultate des expansiven Forschungsdranges. Er zeigte sich auch in der Wirtschaft, in der sich neue Kapital- und Handelsformen ausbildeten und eine Dynastie von vermögenden Unternehmern wie die Medici oder die Fugger ermöglichten.

Der humanistische Dichter und Philosoph Francesco Petrarca. - © Fresko von Andrea di Bartolo di Bargilla, Uffizien, Wikipedia
Der humanistische Dichter und Philosoph Francesco Petrarca. - © Fresko von Andrea di Bartolo di Bargilla, Uffizien, Wikipedia

Fast zeitgleich wie Thomas Leinkaufs Buch wurde das ebenfalls äußerst umfangreiche Werk "Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance" des Historikers Bernd Roeck publiziert. Anders als Leinkauf, der die breit angelegte Darstellung des jeweiligen Sujets bevorzugt, schildert Roeck - Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich - die Geschichte der "wohl faszinierendsten Epoche" in kleinen Erzählungen. Er versteht sein Buch als "Archäologie, die das Echolot in die Tiefe richtet und dann Schicht auf Schicht aufgräbt".

Dabei umfasst dieser Vorgang neben der Vertiefung in philosophische, literarische und kunsthistorische Schichten auch die Erkundung von historischen und gesellschaftspolitischen Prozessen, wobei die Schattenseiten wie Glaubenskriege, Hexenverfolgungen, Inquisition, kirchliche und staatliche Korruption und die Anfänge des Kolonialismus ebenfalls thematisiert werden.

Bei Leinkauf und Roeck nimmt der Dichter und Philosoph Francesco Petrarca einen zentralen Stellenwert ein. Der Gelehrte, der von 1304 bis 1374 lebte, rückte als erster Denker des Humanismus die Aufmerksamkeit auf seine eigene Person. Während bei Philosophen und Theologen des Mittelalters - etwa Thomas von Aquin - das Ich ausgespart wurde, verstand Petrarca seine Philosophie als Anleitung zu einem offenen, experimentierfreudigen Leben, das sich selbst immer wieder in Frage stellt.

Leinkauf weist darauf hin, dass sich das Ich bei Petrarca aus verschiedene Facetten zusammensetzt: es sind "das Mit-oder Bei-sich-Sein, das auf ein bestimmtes Ziel Aus-Sein, das Sich-darstellen-Wollen, das Wissen-Wollen oder das Lieben-Wollen". Wesentlich ist die Selbstbefragung, die Selbstbeobachtung, die eine Ich-Authentizität ermöglicht - "ein Kraftfeld, ein Gravitationszen-trum", das als wesentliches Signum der humanistischen Philosophie bis zu Giordano Bruno und Michel de Montaigne fortwirkt.