Die einzige Vorbedingung für die Teilnahme an dem illustren Kreis bestand darin, Platon zu studieren und von ihm zu lernen. Dessen Einfluss zeigte sich auch in Ficinos Hauptwerk "Die platonische Theologie", in dem die unsterbliche menschliche Seele einen zentrale Rolle spielt. Sie vermittelt zwischen Geist und Materie, Einheit und Vielheit, Ruhe und Bewegung. Sie ist der "Knoten der Welt", der den Kosmos zusammenhält. "Die Seele ist die mittlere Stufe der Dinge; sie verbindet alle Stufen, sowohl die höheren als auch die niederen zu einem Ganzen", schrieb Ficino.

Wesentlich ist der Aufstieg der Seele zu Gott durch die "vita contemplativa", die sich durch ein tugendhaftes Leben, durch Weisheit und durch die Liebe zu den Menschen, die nichts mit Sexualität zu tun hat, auszeichnet. Ficinos Kontemplation ist - laut Leinkauf "das Gegenteil einer Sinnes-Begierde- und Lust-orientierten Gesellschaft". Das höchste Ziel der menschlichen Existenz, das die Seele realisieren kann, besteht darin, Gott ähnlich zu werden.

Ein Teilnehmer an den Disputationen der "Platonischen Akademie" war Pico della Mirandola, der Verfasser der Rede "Über die Würde des Menschen". Er verfügte - ähnlich wie Ficino - über eine umfassende Bildung; so hatte er Hebräisch gelernt, um die Kabbala im Original lesen zu können. In seinen Schriften vertrat Pico die These, dass die Weltreligionen grundsätzlich übereinstimmten.

Dieser Grundgedanke veranlasste ihn, 900 Thesen zu formulieren, die er 1486 in Rom im Alter von 23 Jahren veröffentlichte. Die Thesen bilden eine Summe oft einander widerstreitender philosophischer und theologischer Reflexionen, die aus der antiken Philosophie, der Scholastik, der arabischen Philosophie und der Kabbala stammen. Die Anordnung der Thesen erfolgte folgendermaßen: "Die zu behandelnden Lehrsätze werden nach Völkern und deren Oberhäuptern angeführt, betreffs der Teile der Philosophie jedoch ohne Unterscheidung, sozusagen wie in einem bunt zusammengemischten Allerlei." Über die Hälfte der Thesen, die von Gott, der Mathematik und der Magie handeln, gab Pico als eigene Gedanken aus.

Kampf um Toleranz

Mit der Veröffentlichung der Thesen verband er den kühnen Plan, die bedeutendsten Gelehrten des Abendlandes nach Rom einzuladen, um mit ihnen Lehrsätze zahlreicher Philosophen und Theologen aus verschiedenen Kulturkreisen zu diskutieren. Sogar die Reisekosten wollte er ersetzen. Dieser utopische Plan, gleichsam einen Weltkongress abzuhalten, der die Toleranz befördern sollte, scheiterte an Papst Innozenz VIII.; er ließ dreizehn der neunhundert Thesen als häretisch erklären und den gesamten Text verbieten.

Im Patchwork der humanistischen Philosophien spielt auch das Werk von Leon Battista Alberti eine wichtige Rolle. Er beteiligte sich an den Diskussionen der "Platonischen Akademie" und galt als glänzender Repräsentant des "uomo universale". Alberti, der von 1404 bis 1472 lebte, verfasste Abhandlungen über die Malerei und die Architektur und die auch heute noch viel gelesene Abhandlung "Über die Familie". Darin äußerte er sich über die Ökonomie des familiären Haushalts, über die Ehe, die Kindererziehung und über die Freundschaft. Er verstand diese Schrift als eine Ethik des Privatlebens, die sich durch Tugend, Menschlichkeit und Umgänglichkeit auszeichnet.