Obwohl Alberti neben Leonardo da Vinci vielfach als Universalist und Lichtgestalt der Renaissance angesehen wurde, finden sich in seinen Schriften bereits Hinweise auf die "Nachtseiten" dieser Epoche. In seinen satirischen Schriften "Intercoenales" ("Tischgespräche") erweist sich Alberti als profunder Kenner der Abgründe der menschlichen Existenz, wie sie in ihrer Radikalität sehr viel später von Luigi Pirandello und Samuel Beckett aufgezeigt wurden.

Während die konstruktiven Schriften über gesellschaftliche und kunsttheoretische Themen die "Lichtseite" von Alberti darstellen, bezeichnete er die satirischen Schriften als "Frucht meiner Nachtwachen". Ein Ergebnis davon ist der Text "Defunctus", in dem ein Verstorbener das eigene Begräbnis beobachtet und erkennen muss, dass alle Werte, die er hochgehalten hatte, sich als Illusionen erwiesen: Er erlebt die Untreue seiner Ehefrau, muss zusehen, wie sein Sohn das Erbe verprasst, und der Geschäftspartner sein Unternehmen zu Grunde richtet. Verbittert erkennt der Verstorbene, dass sich sein von der Tugend - vom virtus - bestimmtes Leben als Illusion erwies; solch ein Leben ist in einer Gesellschaft, die von Lüge, Betrug, Niedertracht und Habgier bestimmt wird, nicht möglich.

In dem Roman "Momus oder Vom Fürsten", in dem Alberti eine beißende Kritik der Götter und der Menschen vornimmt, kommt Momus - der Gott der Kritik und der Satire, der seine Erfahrungen, die er bei einem Besuch auf der Erde gemacht hat - zu dem Schluss: "Der Mensch ist dem Menschen die Pest".

Das gesamte öffentliche Leben - so fasst Momus seine Erfahrungen zusammen, wird von der Verstellung und Vorstellung falscher Tatsachen, von Heuchelei, Rach- und Gewinnsucht bestimmt. Es ist der Egoismus, der sich hinter dem Schleier des Altruismus verbirgt; das auch in der aktuellen Politik immer wieder vernehmbare Motto lautet: Alles für das Allgemeinwohl! Die Folgerung, die Momus zieht, lautet: Da ein wahres Leben im ganz Falschen nicht möglich ist, gibt es für ihn nur eine akzeptable Lebensform - die des Vagabunden: "frei zu sein und unbeschwert zu leben, vollkommen Herr zu sein über sich selbst und seine Wünsche".

Lebenskunst

"Frei und unbeschwert zu leben", das war auch das Ziel des Philosophen Michel de Montaigne, der kokett von sich behauptete, kein Philosoph zu sein. Der freie Geist im Sinne Friedrich Nietzsches lebte in einer von Religions-und Bürgerkriegen zerrütteten Zeit, in der jegliche staatliche oder religiöse Orientierung verlorengegangen war. Seine "Essays" sind eine Antwort auf eine Realität, die nur mehr als Ansammlung von Fragmenten existierte, die den Einzelnen bedrohten. Vor diesem Hintergrund ist sein Rückzug auf sich selbst nachvollziehbar.

Montaigne führte die von Petrarca initiierte Hinwendung auf das Ich am Ende des 16. Jahrhunderts fort und radikalisierte sie auf eine bisher nicht bekannte Weise. In seinem Werk spricht er hauptsächlich von sich selbst, von seinen Vorlieben, seiner körperlichen Befindlichkeit und von seinen Lektüren. Das Ziel war die Ausbildung einer Lebenskunst, die sich nicht um zeitgenössische Konventionen kümmert. "Hast du dein Leben zu bedenken und zu führen gewusst?", schrieb Montaigne, "so hast du das größte aller Werke vollbracht."