Und weil das so ist, kann sich eine wissenschaftliche Forschung, die diesen Namen verdient, niemals bedenkenlos an Festakten und anderen Gedächtnisveranstaltungen beteiligen. Ihre Arbeit sollte nicht vorrangig den Bedürfnissen und Wünschen der "jeweiligen Gegenwart" gehorchen, sie hat das besagte "historische Ereignis" in seiner Eigenheit zu erforschen und darzustellen.

Das führt nicht selten dazu, dass die Wissenschaft die Unterschiede zwischen Einst und Jetzt genauer herausarbeitet als die Gemeinsamkeiten. Die Historikerin Ulrike Jureit, die dem Reformationsgedenken eine "unerträgliche Leichtigkeit historischer Sinnstiftung" nachsagt, erklärt, warum es kurzschlüssig sei, Luthers Reformation als erstes Kapitel einer Befreiungsgeschichte des modernen Menschen zu deuten. Sie meint: "Luthers theologischer Freiheitsbegriff unterschied sich fundamental von einem aufgeklärten Verständnis, wie es später für die beginnende Moderne grundlegend wurde, und jedwede Form von Toleranz ist nun bei Weitem nicht das, was die religiösen Erneuerungsbewegungen des 16. Jahrhunderts auszeichnete."

Auch die anderen Beiträge des Bandes stellen sehr subtil dar, dass Martin Luther und seine Zeitgenossen nicht einmal ansatzweise als Menschen der Moderne verstanden werden können. Die Fragen, Ängste und Hoffnungen, die sie beschäftigten, sind von heutigen Fragestellungen unendlich weit entfernt.

Gnade und Seelenheil

Dies wird schlagartig klar, wenn man die Reformation nicht als Anfangspunkt eines gesellschaftlichen Modernisierungsgeschehens versteht, sondern als Ergebnis einer längeren Vorgeschichte, die sich vor allem im Bereich des theologischen Denkens abgespielt hat. Luther, der Zeitgenosse der italienischen Renaissance-Kunst und der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, wusste von diesen Ereignissen seiner Zeit nicht viel. Er war zumindest in seinen Jugendjahren kein politischer, weltoffener Geist, sondern ein Doktor der Theologie, der sich in die Lektüre der Bibel vergrub.

Ihm war die Beschäftigung mit dem Wort Gottes wesentlicher als alles "weltliche" Treiben. Ein Denken ohne oder gar gegen Gott war dem Reformator ebenso fremd wie dem Papst, gegen den er sich richtete. Dies muss auch den Bewohnern einer säkularisierten Welt klar sein, wenn sie Luther gerecht werden wollen.

Der Religionssoziologe Detlef Pollack beschreibt Luthers Zen-tralfrage und er zeigt dabei auch das mittelalterliche Erbe des Reformators: "Die theologische Einsicht in den Gnadencharakter des Heils gehörte bereits zu den Grundaussagen Thomas von Aquins und wurde in der mittelalterlichen Theologie von vielen geteilt. Bei Luther spitzte sie sich jedoch zu der Überzeugung zu, dass das Heil allein auf der Gnade Gottes beruhe und der macht- und kraftlose Mensch zur Erlangung des Heils schlichtweg nichts beitragen könne, außer, dass er diese Gnade gläubig annehme."

Dies also war die große Entdeckung Luthers: dass der Mensch nicht durch eigene Werke, sondern nur durch göttliche Gnade das Seelenheil erlangen könne. Sie gehört auch heute noch zum theologischen Grundbestand der lutherischen Kirche. Das aber bedeutet, dass jede Würdigung, die diesen theologischen Glutkern in Luthers Denken gering schätzt und stattdessen seine Meinungen zur Frauenfrage, zum Antisemitismus und zum Bauernkrieg abfragt oder seine Leistungen als Bibelübersetzer würdigt, zwar unseren Interessen entgegenkommt, aber den historischen Luther verfehlt.