Dennoch erschöpften sich die Aktivitäten im Gedenkjahr nicht im Vertrieb von Socken und T-Shirts. In Gottesdiensten und fröhlichen Feiern unter freiem Himmel zeigte sich die Evangelische Kirche als weltoffene, tolerante Religionsgemeinschaft, die zwar die ökumenische Annäherung an die römisch-katholische Mutterkirche sucht, aber zugleich auf ihrer Eigenart besteht und damit ein Plädoyer für Vielfalt und Diversität abgibt.

Der Protestantismus bewies also heuer spirituelle Präsenz in zeitgemäßem Gewand. Solche Annäherungen an die Maßstäbe des Zeitgeistes mag man begrüßen oder nicht - sie tragen jedenfalls zur öffentlichen Beachtung bei, und sind deshalb in einer stark medial bestimmten Gesellschaft wie der unseren bei Gedenkveranstaltungen gang und gäbe.

Dieser konsequent zeitgenössische Blick hatte freilich auch zur Folge, dass der Jubilar Martin Luther kritischer betrachtet wurde als bei früheren Jubelfeiern. Es wurde von offizieller evangelischer Seite ausdrücklich angesprochen, dass einige Seiten des Reformators heutigen Menschen sehr fragwürdig vorkommen können.

Kein Heldensockel

Margot Käßmann, "Botschafterin des Reformationsjubiläums" und damit Sprecherin der Evangelischen Kirchen Deutschlands (EKD), erklärte in einem Fernseh-Interview: "Ich denke, wir haben uns noch nie als evangelische Kirche so intensiv auch mit den Schattenseiten Martin Luthers und der Reformation befasst. Gerade Luthers Antijudaismus wurde breit diskutiert. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich auf ihrer Synode 2015 von Luthers Schriften zum Judentum distanziert. Luthers manchmal sehr gewalttätige Sprache wurde kritisiert und auch seine Stellungnahme im Bauernkrieg wurde kritisch hinterfragt." Die Theologin zog das Fazit: "Luther stand dieses Jahr nicht auf einem Heldensockel, sondern ist wirklich als Mensch mit großartigen Seiten, aber auch mit Schattenseiten diskutiert worden."

So menschenfreundlich, selbstkritisch und sympathisch das alles klingt - so kritisch wurde das festliche Geschehen des Jahres 2017 doch von der Geschichts- und Religionswissenschaft kommentiert. Auch dieser Begleitung bot die evangelische Kirche ein Forum (was wiederum ihre Grundtugend der Ernsthaftigkeit beweist). Die Organisation der Feierlichkeiten wurde von Anfang an durch einen "Wissenschaftlichen Beirat zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017"
beobachtet.

Historische Wahrheit

Dieses Gremium von Historikern, Juristen und Theologen hat die Ergebnisse seiner Tätigkeit in einer ausgezeichneten Aufsatzsammlung zusammengefasst, die unter dem Titel "Die Weltwirkung der Reformation" heuer erschienen ist. Hier werden Fragen aufgeworfen, die für jede Erinnerung an historische Ereignisse von grundsätzlicher Bedeutung sind. Schon in der Einleitung zum Buch formuliert der Beiratsvorsitzende, der Jurist Udo Di Fabio, eine Erkenntnis, die man sich gar nicht klar genug machen kann: "Wenn Gedenktage ‚begangen‘ werden, sagt das häufig mehr über die jeweilige Gegenwart als über das historische Ereignis."