Landnahme als Form der Selbstjustiz: Indigene wie Solano Lopes ("Erleuchteter Thron", 3.v.l.) wollen mit ihrer Rückkehr aufs Land der Ahnen altes Besitzrecht wiederherstellen. - © Lichterbeck
Landnahme als Form der Selbstjustiz: Indigene wie Solano Lopes ("Erleuchteter Thron", 3.v.l.) wollen mit ihrer Rückkehr aufs Land der Ahnen altes Besitzrecht wiederherstellen. - © Lichterbeck

Damiana Cavanha sitzt mit wirrem Haar vor ihrer Hütte und schlägt eine Gebetsrassel; neben ihr die erschrockene Tochter. Um die beiden herum tollen Kinder mit verrotzten Gesichtern. Gleich hinter ihnen donnern Lkw auf einer Überlandstraße vorbei.

Cavanha ist betrunken, sie hat sich mit Zuckerrohrschnaps abgefüllt. "Ich halte es nicht mehr aus", klagt die 70-Jährige. "Dieses Leben hier, es ergibt keinen Sinn mehr. Sie haben mir alles genommen. Ich habe keine Kraft mehr." Seit 25 Jahren versucht sie, auf ihr Tekohá zurückzukehren. So nennen brasilianische Ureinwohner vom Volk der Guarani Kaiowá das Land ihrer Vorfahren. Cavanhas Tekohá liegt nur wenige Meter entfernt, hinter einem Zaun auf der anderen Straßenseite. "Dort", sagt sie und deutet auf ein abgeerntetes Zuckerrohrfeld. Ganz nah und doch unerreichbar. Alle Versuche Cavanhas und ihres Familienclans, das Feld zu besetzen, scheiterten. Jedesmal rückte die Polizei an und zerstörte ihre improvisierten Behausungen. Wie lange will Cavanha das noch durchhalten? "Bis ich tot bin", sagt sie, "es gibt für mich keinen anderen Ort auf Erden."

Favelas für Indigene

47.000 Guarani Kaiowá leben in Mato Grosso do Sul, einem von der Landwirtschaft beherrschten, südwestlichen Bundesstaat im Grenzgebiet zu Paraguay. Die Guarani Kaiowá sind die zweitgrößte indigene Gruppe Brasiliens, 80 Prozent von ihnen hat man in Reservaten untergebracht. Dort aber herrschen Gewalt, Alkoholismus und Armut. Es sind Favelas für Ureinwohner. Deswegen wollen viele nun zurück auf das Land ihrer Ahnen. Es gibt nur ein Pro-blem: Die Tekohás liegen auf Land, das heute in der Hand von Großbauern ist, den Fazendeiros.

Derzeit gibt es etwa 120 Landnahmen in Mato Grosso do Sul. Meist gegen den erbitterten Widerstand der Bauern. Cavanhas winzige Siedlung liegt schutzlos zwischen einer Schnellstraße und dem Feldrand. Sie erhielt Morddrohungen, wurde verfolgt, ihre Hütte angezündet und beschossen, sie zeigt eine Kugel, die im Türrahmen steckte. Auf die Straße vor der Hütte hat jemand gepinselt: "Wir werden euch erledigen." Keine leere Drohung: Neun von Cavanhas Angehörigen sind getötet worden, acht von ihnen wurden auf dieser Straße überfahren. Für Cavanha waren es Morde im Auftrag der Großgrundbesitzer.

In Mato Grosso du Sul findet ein Drama seine Fortsetzung, das so alt ist wie Brasilien selbst: Weiße Siedler konkurrieren mit den Ureinwohnern um Land und Rohstoffe. Der Konflikt hat sich vielerorts verschärft, die Wirtschaft drängt auf Expansion. Nirgendwo aber wird er so brutal ausgetragen wie in Mato Grosso do Sul. Fast 400 Guarani Kaiowá sind hier seit 2004 getötet worden. Jedes Jahr wird eine ihrer Führungsfiguren ermordet, fast wöchentlich gibt es Zusammenstöße zwischen Indios und Bauern. Die Situation wird von den Vereinten Nationen als "dramatisch" bezeichnet, das EU-Parlament hat die Gewalt gegen die Ureinwohner "scharf verurteilt". Aktivisten fordern gar den Boykott von Produkten aus Mato Grosso do Sul. Aber die EU hat den Rindfleisch- und Soja-Import von hier zuletzt ausgeweitet.